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Die letzten Tage des Sommers : Schlecht für die Kunst, gut für den Wein

Sommerzeit, und das Leben ist leicht – wie lange eigentlich noch? Und rächt sich das Glück irgendwann? Bild: Karsten Thielker

Von Natur aus stammt der Mensch aus den Tropen. Deswegen ist ihm bis in diesen Herbst hinein besonders wohl. Aber die Drohung einer strafenden Gerechtigkeit kriegen wir nicht aus den Knochen.

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          Er hört nicht auf. Immer, wenn wir denken, die große Fracht dieses Sommers wäre nun verladen und nasser Herbst kehrte ein, geht es weiter. Es ist schon Oktober – und immer noch Sommer, später Sommer. Als ob die Zeit seit April in angenehm warmer Heiterkeit stillstünde. Gewiss, es wird jetzt wieder früh dunkel und abends kühl. Am Tag dauert es etwas länger, bis der Nebel weicht und die Luft sich aufwärmt. Doch spätestens am mittleren Nachmittag zeigt die Sonne noch einmal, was sie kann. Vor „Eis Cristina“ bilden sich dann die langen Schlangen. Und im Park spielen ausgelassen die Kinder. Ihre Mütter und Väter haben sie aus der Nähe im Blick, sitzen am Rande und tauchen ein in den wärmenden Augenblick der Sonnenstrahlen, als wäre für diesen Sommer heute nun wirklich Schlussverkauf.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          And the livin’ is easy: Welch ein Sommer! Ist es das, warum wir diesen Sommer so lieben und wünschen, er möge nie enden? Weil er uns, aller politisch vernehmlichen Dumpfheit zum Trotz, in eine Grundstimmung positiver Leichtigkeit versetzt, in den unbändigen Drang nach draußen, ohne Sorgen durch die Gassen zu schlendern und die Blicke schweifen zu lassen. Selbst der heiße Mittag hat uns nicht davon abgehalten, rasch wieder den Schatten des Hauses zu suchen. Dieser Sommer war groß, aber nicht extrem: Die Hitze fast immer erträglich, die Nächte ausreichend frisch und die großen Unwetter abzählbar an einer Hand. Solch ein Sommermärchen muss keine nationalen Tore schießen.

          Darf das wahr sein, ohne zum Kitsch zu degenerieren? Der Zweifel nagt. Woher sonst sollte unser tiefes Gefühl stammen, es müsse auch beim Wetter eine Art ausgleichende Gerechtigkeit geben? Stets warten wir ängstlich darauf, dass es jetzt vorbei sein könnte. Wenn es im April und im Mai schon Temperaturen in den mittleren bis hohen Zwanzigern hat, dann würde es spätestens im Juni oder Juli kühl werden und regnen, quasi als Quittung für das zuvor genossene Glück. Aber so ist es nicht gekommen. Nicht in diesem Ausnahmejahr. Kein Maulen, nichts zu jammern. Es wurde Juni, Juli, August, September, Oktober und immer Sommer, so dass am Ende sogar die Spatzen auf den Bäumen ihren Rilke aus dem Präteritum in das Präsens übersetzen durften, um zu beten: Herr, dieser Sommer ist groß!

          Als ob es um Rekorde ginge

          Und trotzdem kriegen wir die Drohung einer strafenden Gerechtigkeit nicht aus den Knochen: Wahrscheinlich wird dann eben der Winter fürchterlich, nicht richtig kalt und weiß, sondern immer nur grau und nass. Zur Strafe dann auch genau sechs Monate lang. Und im nächsten Sommer müssen wir erst recht büßen: 2019 wird sicher als „Jahr ohne Sommer“ in die Meteorologie-Geschichte eingehen, so nervt die innere Stimme. Zieh dich warm an! Oder ist der Eindruck dieses Sommers, nun befänden Wetter und Klima sich endlich in prästabilisierter Harmonie, subjektives Wohlbefinden und objektive Ordnung der Natur seien im Einklang, am Ende nur Fiktion, Vorgaukeln einer heilen Welt, was in Wirklichkeit Symptom ihrer Krankheit ist? Schaut euch den schmelzenden Rhone-Gletscher an, dann wisst ihr, was eure CO2-Fußstapfen angerichtet haben! Der lange Sommer also, ein Sommer der Klima-Dekadenz? Nein, wir lassen uns das Glück dieses Jahres von niemandem vermiesen, auch nicht von denen, die uns ein ums andere Mal vor dem Übermut warnten, weder der heiße Sommer des Jahres 2003 noch der trockene Sommer 1911 ließen sich entmachten von den Messwerten des Jahres 2018.

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