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Solschenizyn bei Böll : „Ein weltgeschichtlicher Moment“

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Solschenizyn und Böll am 14. Februar 1974 in Langenbroich bei Köln Bild: dpa

1974 besuchte der aus der Sowjetunion ausgewiesene Solschenizyn seinen Freund Heinrich Böll. Böll brachte ihn in seinem Sommerhaus in der Nordeifel unter - wo sich sogleich die Weltpresse einfand. Bölls Neffe Viktor erinnert sich.

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          Heinrich Bölls Neffe Viktor Böll (59) kann sich noch gut an den Besuch Alexander Solschenizyns nach dessen Ausweisung aus der Sowjetunion erinnern. „Ich bin insofern Zeitzeuge, als ich an jenem Morgen Dienst im Büro meines Onkels hatte“, sagte er am Montag in Köln.

          Er war 1974 noch Student und erledigte für seinen Onkel alle möglichen Büroarbeiten. „Und da bekamen wir einen Anruf vom Außenministerium. Solschenizyn hatte den Wunsch geäußert, seinen Freund Heinrich Böll zu besuchen.“ Für die konservative Presse in Deutschland sei diese Nachricht ein „richtiger Schlag“ gewesen, sagte Viktor Böll. „Es war für diese Leute ein Schock, dass Solschenizyn nicht zu (dem konservativen Journalisten Gerhard) Löwenthal oder zu Springer ging, sondern zu Böll. Man darf ja nicht vergessen, Heinrich Böll war zu jener Zeit in Deutschland ganz stark in der Kritik, und es wurde ihm vorgeworfen, nichts für seine Schriftstellerkollegen in der Sowjetunion zu tun.“

          „Das Haus wurde belagert“

          Böll habe sofort entschieden, Solschenizyn in seinem Sommerhaus in der Nordeifel in der Gemeinde Kreuzau unterzubringen. „In Köln hätte das ja ein Chaos gegeben“, meinte Viktor Böll. „Und so war die Weltpresse dann zu Gast in der Eifel. Die haben sich vor dem Haus postiert, jeder wollte die Bilder haben. Das Haus wurde geradezu belagert.“ Solschenizyn bekam eines der Zimmer. Vor dem Haus gaben die beiden eine Pressekonferenz. Viktor Böll selbst hielt die Stellung in Köln und nahm den ganzen Tag Telefonate entgegen.

          „Mein Onkel hat mich jeden Tag angerufen und gesagt, ich solle doch auch mal rauskommen, um Guten Tag zu sagen. War ja auch ein weltgeschichtlicher Moment. Aber ich hab gesagt: 'Ich komm hier gar nicht weg'. Was hätte ich da auch gesollt? Der musste ja auch erst mal zur Ruhe kommen, der war ausgebürgert worden.“ Nach drei Tagen reiste Solschenizyn weiter zu seinem Rechtsvertreter in die Schweiz. Er und Böll hätten sich nie wieder gesehen, aber durchaus noch in Kontakt gestanden, unter anderem über ihren gemeinsamen Bekannten Lew Kopelew.

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