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Carlos Amorales in Amsterdam : Alles ist im Fluss

  • -Aktualisiert am

Amsterdam zeigt die erste Retrospektive in Europa mit Werken des Mexikaners Carlos Amorales. Sie heißt „The Factory“, und das hat Sinn.

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          Sie sind überall. Auf Decken, Wänden und Fenstern. Die Nachtfalterplage, die das Amsterdamer Stedelijk-Museum heimgesucht hat, sieht bedrohlich aus, wäre da nicht das Material, das beim näheren Hinsehen Entwarnung gibt. Schwarzes Papier steht weder im Verdacht, ansteckend zu sein noch eine politische Agenda zu verfolgen. Die übermächtige Präsenz der Scherenschnitte ist aber nicht abzuweisen. Man taucht in die Installation wie in ein postapokalyptisches Mahnmal ein. Woran hat wohl Carlos Amorales, der Urheber von „Black Cloud“ und Repräsentant Mexikos auf der Kunstbiennale von Venedig im Jahr 2017, als Erstes bei diesem Eingriff in den musealen Erwartungshorizont gedacht?

          An Hitchcocks „Die Vögel“, Ionescos „Die Nashörner“, an Schwarmintelligenz oder Freuds „Unbehagen in der Kultur“, das urplötzlich in kollektive Destruktion münden kann? Die Modeindustrie hat in den Kreaturen offenbar nur ein leicht zu vermarktendes Accessoire gesehen. Als sie vor zehn Jahren zum ersten Mal in einer Galerie auftauchten, kopierte ein Bekleidungsgeschäft die Idee. Es dauerte nicht lange, bis das erste Nachtfalterkleid auf einem Laufsteg gesichtet wurde. Amorales ließ die Geschichte von dem um sich greifenden Virus in einem Comic dokumentieren, denn spätestens nach der Lektüre von W. G. Sebalds „Austerlitz“ wusste er, dass Motten auch den Roman von 2001 bevölkern und er keinen Anspruch auf die Erstverwertung des Motivs erheben kann.

          So handelt nicht nur „Black Cloud“, sondern die gesamte Schau von der Mobilität der Bilder. Sie werden assimiliert, deformiert, mit einer weiteren Bedeutungsebene beladen und digital auf die Reise geschickt, über Gattungsgrenzen hinweg, wie im Fall des fiktiven Alphabets, das Amorales in dreidimensionale Form überführt hat, ähnlich Pfeifinstrumenten, denen man Klänge entlocken kann. Die schwarzen Objekte sind auf Tischen angeordnet wie archäologische Funde. Oder entfernte Verwandte der schwarzromantischen Nachtfalter? Ihre Kodierung entzieht sich der Entschlüsselung. Und auch der dazugehörige, märchenhafte Animationsfilm über eine Migrantenfamilie, die in einem Dorf gelyncht zu werden droht, hilft nicht wirklich weiter, trotz der pfeifenden Tonspur, die ihre Geheimnisse für sich behält.

          Interaktives Spiel oder politischer Zeitkommentar?

          Dass der 1970 geborene Multimedia-Künstler seine Retrospektive nach dem legendären Studio von Andy Warhol „The Factory“ nennt, sollte der Besucher nicht nur als Hommage deuten. Ihm geht es weniger um die popkulturelle Party als um das Labor, das Warhol in seine Kunstfabrik zu implementieren wusste, mit Hilfe von unzähligen Assistenten, auf die auch Amorales nicht verzichten möchte. Sie füttern nicht zuletzt seine Bilddatenbank, das „Flüssige Archiv“, das auch anderen Künstlern zugänglich gemacht wird, in einer Welt, wie er sagt, in der „das globalisierte Fließband außer Kontrolle geraten ist“.

          Die Herrschaft über die Informationsflut haben offenbar auch die Helden seiner „Orgy of Narcissus“ von 2019 verloren. Die selbstbezüglichen Klone scheinen im Internet eine Überdosis an Pornobildern genossen zu haben. Sie geistern auf monumentalen Stoffbahnen in sich ermüdend wiederholenden Paarbildungen, die auf dem Jacquard-Webstuhl des TextielLab gewebt wurden. Den umgekehrten Weg geht die raumgreifende Klanginstallation „We’ll See How All Reverberate“ von 2012, ein Mobile aus Schlagzeugbecken und Gongs, das es mit Trommelstöcken zu bearbeiten gilt, um die Friedhofsruhe einer öffentlichen Institution auf den Kopf zu stellen – der Aufruhr ist gewaltig, sobald die Kunst zu scheppern beginnt, so tief sitzen die Vorschriften an museumskompatibles Benehmen.

          Selbiges gilt für den steten Wechsel der Atmosphären. Lauert hinter der nächsten Tür wieder ein interaktives Spiel oder politischer Zeitkommentar? Auch die Installation „Psicofonias“ etwa verschließt sich schnellen Interpretationen und wandelt Bilder aus dem Netz in Lichtpunkte um, die vom Bildschirm gleiten und am Boden kakophonische Klaviertöne produzieren.

          Im Stakkato des Schreckens

          Anfang der Neunziger kam Amorales als Malereistudent an die Amsterdamer Gerrit Rietveld Academy. Sein Fokus änderte sich radikal unter dem Eindruck des aufkommenden Internets. Erst nahm er ein Pseudonym an, zusammengesetzt aus den Namen seiner Künstler-Eltern: Rowena Morales und Carlos Aguirre. Dann entschloss er sich, eine Art Doppelleben zu führen. Ein Kollege kaperte unter seinem Namen sein Studio. Der wahre Carlos Amorales zog nach Mexiko zurück und versteckte sich hinter Masken, die er bei selbst organisierten Wrestling-Kämpfen trug.

          Die niederländische und die mexikanische Identität traten in der gefilmten Kunstaktion „Los Amorales“ gegeneinander an. Auf Fotografien aus dem gleichen Kontext windet sich der Körper des heimatlosen Künstlers in theatralischen Kampfposen. Den Masken sind die inneren Erschütterungen nicht anzumerken. Umso exaltierter wirken nebenan die grell geschminkten Figuren in dem Video „El No me Mires“ von 2015, die in Malewitsch-Kostümen einen Abgesang auf die Utopien vom neuen Menschen anstimmen. Noch tiefer in die Abgründe der menschlichen Spezies geht es bei dem vermeintlichen Fotoroman „The Tongue of the Dead“ von 2012, der die mexikanische Bandengewalt mit grausamsten Hinrichtungsabbildungen aus Boulevardzeitungen dokumentiert – als Endlosschleife, bis man im Stakkato des Schreckens die Fassung zu verlieren droht. Bei Amorales wähnt man sich zunächst bei jemand mit unstabilen Eigenschaften – und gerade deshalb sieht man den finalen Wrestling-Schlag auf den eigenen distanzierten Verstand nicht kommen.

          Carlos Amorales – The Factory. Im Stedelijk Museum, Amsterdam; bis zum 17. Mai 2020. Der Katalog kostet 25 Euro.

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