https://www.faz.net/-gqz-75rcl

Smog & Politik in Peking : Der Himmel täuscht

  • Aktualisiert am

Smog über einem Geschäftsviertel von Peking Bild: dpa

In Peking werden täglich die bedrohlichen Feinstaubdaten gemessen und die Medien überbieten sich mit politischen Forderungen nach Lösungen zur Eindämmung der Luftvergiftung. Kann der Smog Chinas Politik verändern?

          3 Min.

          Wer in Peking lebt, blickt mit täglich erneuertem Unglauben in den Himmel. Am Dienstagnachmittag zum Beispiel zeichnen sich im Bezirk Chaoyang die Umrisse von Autos, Gebäuden und Bäumen plötzlich wieder scharf gegen einen hellblauen Himmel ab, fast schon irritierend scharf, nachdem am Wochenende ein graubrauner Dunst alles gleichgemacht hatte und die Welt draußen nur schemenhaft erkennen ließ.

          Aber was bedeutet das genau? Der Luftqualitätsindex, den die amerikanische Botschaft täglich mit einem Messgerät auf dem Dach ihres Gebäudes ermittelt, weist einen Wert von 182 aus: schon besser natürlich als die unglaublichen 993 am Samstag, aber immer noch ein Wert, der auf der Skala zwischen gut und schädlich unzweifelhaft das Prädikat „ungesund“ verdient. Der blaue Himmel über Peking täuscht.

          Eine unsichtbare Bedrohung

          Es ist auch nicht so, dass jeder zurzeit ein Kratzen im Hals spürt, und die Zahl derer, die einen Mundschutz auf der Straße tragen, ist nur leicht gestiegen, so wie schon am Sonntag trotz der amtlichen Mahnungen, zu Hause zu bleiben, der Straßenverkehr nur unwesentlich geringer war als sonst - ganz anders als während der Sars-Epidemie 2003, als die Stadt, wie die Leute erzählen, wochenlang wie leergefegt war. Den dräuenden Symbolbildern zum Trotz also, die in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der Welt auf den Pekinger Smog lenken: Das Unheimlichste ist, dass die Bedrohung fast so unsichtbar ist wie die Feinstaubpartikel, die unbemerkt in Lunge und Blut eindringen und sich dort festsetzen können.

          Wer weiß im Übrigen auch, ob der jetzige Smog tatsächlich der schlimmste ist, den die Stadt seit langem erlebt hat, wie sich jetzt auch die chinesischen Behörden zu versichern beeilen: Man kann nur sagen, dass es der schlimmste seit 2009 ist, seitdem die amerikanische Botschaft ihre Feinstaubmessungen veröffentlicht (das chinesische Umweltamt tut das erst seit dem vergangenen Jahr). Insbesondere vor den Olympischen Spielen 2008, als viele Pekinger Fabriken stillgelegt wurden, war die Luft an manchen Tagen noch undurchdringlicher und dunkler als an diesem Wochenende. Wer kann schon wissen, wie lange man schon in der Luft-Falle saß, längst bevor man etwas davon ahnte?

          Apokalytpische Medienberichte

          Wenn es also einen Trost gibt in diesen Tagen, an denen das Atmen seine Selbstverständlichkeit verloren hat, dann den, dass die Luft politisch geworden ist: Seitdem die Pekinger die veröffentlichten Feinstaubdaten täglich studieren, kommt keine Propaganda an ihnen vorbei. Vorher hatte sich das Umweltamt damit zufriedengegeben, die „Tage mit blauem Himmel“ im Jahr zu zählen.

          Jetzt aber überbieten sich die staatlichen Medien gegenseitig mit apokalyptischen Berichten und Forderungen nach mehr Transparenz und einem anderen Entwicklungsmodell. Die Parteizeitung „Global Times“ schlägt, wohl in Anbetracht der Konfliktträchtigkeit jedweder Entscheidung auf diesem Feld, ganz ungewohnte Töne an: „Lasst die Gesellschaft am Prozess der Lösung dieses Problems teilnehmen.“ Das zentrale Staatsfernsehen CCTV berichtete acht Minuten lang in den Abendnachrichten über den Smog. Und der Staatsrat für internationale Umwelt- und Entwicklungszusammenarbeit bemerkte sogar, länger anhaltender Smog werde zu Panik und einer grundsätzlichen Infragestellung der Regierung führen.

          Mutieren Pekings Bürger?

          Das ist nicht übertrieben. Schon die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich die städtische Mittelschicht, die heute die Staat und Partei tragende Klasse ist, am direktesten durch ökologische Themen mobilisieren lässt: Die Vergiftung der Umwelt droht all den Wohlstand zu entwerten, den sie sich mühsam erworben hat. Vorerst aber überwiegt im Internet der sarkastische Ton, mit dem sich ein perplexes Lebensgefühl, weder vor noch zurück zu können, Luft macht. „Werden die Leute in Peking vielleicht anfangen zu mutieren?“, fragt einer. Wenn man noch Freiwillige für eine Marsexpedition braucht, meint der Blogger Michael Anti, sollte man Pekinger nehmen: „Die Luft auf dem Mars ist gerade richtig für uns, und wir können darin noch reden und lachen.“ Was aber, wenn der Sarkasmus in einen politischen Beteiligungswillen umschlägt?

          Unmittelbar dominieren aber erst mal die Überlebensfragen: Hilft ein Luftreinigungsgerät in der Wohnung? (Manche berichten, die Apparate kamen gegen das Übermaß an feindlichen Partikeln nicht an und wechselten nicht mehr vom roten zum grünen Licht.) Sollte man eine Atemmaske tragen? (Allenfalls der Typ N95 ist laut einem Arzt des Family United Hospital empfehlenswert, allerdings ist er zurzeit ausverkauft.)

          Viele, die es sich leisten können, fragen sich grundsätzlich, ob sie noch in Peking bleiben sollen. Der Youtube-Mitgründer Steve Chen schreibt in seinem Mikroblog, er wolle sein Arbeitsteam aus Peking verlegen, ihm gefielen Schanghai und Hongkong ohnehin besser. Die Stadt, die ein neues Zentrum im Koordinatensystem der Welt sein will, zeigt, wie verwundbar sie durch die Art ihres Aufstiegs geworden ist.

          Mark Siemons, Peking

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Islamistischer Mord an Lehrer : Die Angst regiert

          „Die Lehrer sind Zielscheiben“: Nach dem Mord an Samuel Paty kann Frankreich die islamistische Bedrohung von Schulen nicht länger leugnen. Wird das Land auch diesmal versuchen, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.