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Smart Home : Wo der Kühlschrank mit der Heizung spricht

  • -Aktualisiert am

Das war nur der Anfang: Thermostat der Firma Nest Bild: dpa

Wenn das Haus zur intelligenten Maschine wird: Smart Home ist keine Science fiction mehr und hat alles unter Kontrolle - vor allem seine Bewohner.

          6 Min.

          Tony Fadell will nie mehr auf Knöpfe drücken. In seinem Zuhause sollen die Lichter von allein angehen, und die Temperatur soll auf Wunschwärme steigen, sobald er morgens aufsteht. Eine Stimme soll das Tageswetter vorhersagen, wenn er ins Bad geht, die Brause automatisch Wasser in der richtigen Temperatur losspritzen, sobald er in die Dusche tritt, und der Kaffee in der Küche währenddessen schon automatisch in die Tasse fließen. Tony Fadells Traum ist ein Zuhause, in dem die Dinge alles übernehmen und er nicht einmal mehr nachdenken muss.

          Fadell ist der Chef von Nest, einer Firma, die seit ihrer Gründung 2010 ein automatisches Thermostat auf den Markt gebracht hat, das bis vor kurzem nur diejenigen interessierte, die zu Hause nicht mehr die Heizung oder Klimaanlage andauernd neu einstellen wollten. Doch Fadells Thermostat ist nur ein Teil seiner Vision, dass lauter kleine Computer in allen vorstellbaren Alltagsdingen den Menschen ein angenehmeres Leben bereiten sollen.

          Geräte unter sich

          Der 45-Jährige arbeitete bis 2008 bei Apple, er hatte den entscheidenden Einfall für den iPod und leitete die Entwicklung des iPhones. Als er dieses Gerät damals in der Hand hielt, soll er sich gefragt haben: Warum nicht ein Haus entwickeln, das damit zu kontrollieren wäre? Ein Smart Home, das den Menschen noch mehr abnimmt als ihr Smart Phone.

          Kurz darauf gründete er seine eigene Firma Nest, die im Januar für 3,2 Milliarden Dollar von Google gekauft wurde. Fadell ist jetzt Chef der Firma, mit der Google die Entwicklung des Smart Home vorantreibt. Die Entwicklung von Technik, die aus Häusern Maschinen macht, die ihren Bewohnern dienen, ohne dass sie sie bedienen müssen. Andere Unternehmen versuchen zwar noch mitzuhalten. Apple zum Beispiel hat im Juni ein sogenanntes „HomeKit“ vorgestellt, ein Programm für das Telefon. Sagt man ihm „Schlafenszeit“, schließt sich automatisch das Garagentor, verriegelt sich die Haustür, gehen die Lichter aus und die Rollläden zu.

          Seine Geschäftsidee ist, aus Häusern intelligente Maschinen zu machen: Tony Fadell, Gründer und Chef von Nest
          Seine Geschäftsidee ist, aus Häusern intelligente Maschinen zu machen: Tony Fadell, Gründer und Chef von Nest : Bild: AP

          Doch Nest ist schon einen Schritt weiter. Fadell und seine Kollegen wollen das Haus gar nicht mehr über ihr Smartphone bedienen, sondern Geräte, die direkt miteinander kommunizieren. So dass die Haustür vom Kühlschrank über dessen Bestände informiert wird und sagen kann, dass man noch Milch mitbringen soll.

          Protokoll für die Sprache der Dinge

          Damit auch der Kühlschrank von Samsung mit dem Sony-Fernseher kommunizieren kann, entwerfen Fadell und seine Kollegen ein neues kabelloses Protokoll, ein Internet der Dinge, auf dem Initiativen anderer Firmen aufbauen können. Auf dem Blog von Nest heißt es, die anderen würden nur Plattformen entwickeln, Nest aber die Grundlage schaffen: eine Art gemeinsame Sprache für die Dinge. Damit könne man ihnen ein Bewusstsein geben, sagt Fadell.

          Möbelstücke und Haushaltsgeräte, die wahrnehmen, sich untereinander absprechen, gar den Menschen mitteilen können – klingt wie ein Zuhause im Märchen. Doch bei Nest geht es nicht darum, die Objekte zum Leben zu erwecken. Das Eigenleben der Geräte im Google-Zuhause ist nicht der „Aufstand der Dinge“, den der deutsche Schriftsteller Erhart Kästner 1971 beschrieb, sondern dessen Gegenteil. Während die Dinge bei Kästner genug davon hatten, nur noch als „funktionierend“ angesehen zu werden, erfüllen die Geräte laut Fadell ihre Dienste noch effizienter, wenn sie erst kommunizieren können. Und das heißt für ihn: dass sie nicht nur Informationen mitteilen sollen, sondern auch Bedürfnisse der Benutzer wahrnehmen und verstehen.

          Daten für Google

          Der Rahmen solcher Erkenntnis jedoch ist klar abgesteckt. Fadells Dinge sind Computer, die von bestimmten Menschen auf eine bestimmte Art programmiert werden, und zwar so, dass sie den Benutzer etwa dazu anhalten, Strom zu sparen. Das sei schon das Ziel des Thermostats gewesen, das im Netz die Wettervorhersage kontrollieren und die Raumtemperatur nach den Außenbedingungen regeln kann. Mit der Vernetzung der Dinge reiche das „Bewusstsein“ des Temperaturreglers noch weiter. Nest arbeitet jetzt zum Beispiel mit Mercedes zusammen und lässt deren Autos direkt mit der Heizung kommunizieren. So kann der Wagen melden, dass man wegfährt, dass nicht mehr geheizt werden muss, und angeben, wenn man sich wieder dem Haus nähert.

          Die Geräte sind so programmiert, dass sie aufzeichnen und auswerten, wer sie wie, wann und wo benutzt. Diese Informationen tauschen nicht nur das Thermostat und das Auto aus. Fadell hatte zwar direkt nach der Übernahme durch Google versichert, keine Daten über die Nest-Nutzer an den Konzern herauszugeben. Das „Wall Street Journal“ berichtete aber nach einem Interview mit Fadells Kollegen Matt Rogers, dass Google natürlich doch die Informationen bekäme, wann die Nutzer des Thermostats zu Hause seien. So könne man noch klimafreundlicher leben. Denn Google hat ein Programm für Smartphones entwickelt, Google Now. Dieser „Assistent“ kann die Nest-Nutzer permanent orten und weiß daher, wann sie nach Hause kommen.

          Dinge, die disziplinieren

          Neben dem Verlangen nach Komfort und Klimafreundlichkeit unterstellt das Unternehmen den Menschen im 21. Jahrhundert ein weiteres zentrales Grundbedürfnis: Sicherheit. Damit die Nest-Nutzer sicherer seien, hat Nest noch ein anderes Ding in das Netzwerk der Dinge aufgenommen. Für 555 Millionen Dollar wurde Ende Juni der Überwachungskamera-Hersteller Dropcam von Google erworben. Während Google mit GoogleEarth bereits seit Jahren öffentliche Plätze und Straßen überwachen und somit sowieso wissen konnte, wann Menschen Häuser verlassen, kann jetzt zusätzlich geprüft werden, wann welche Menschen welche Häuser verlassen – und was sie in ihnen getan haben.

          Wird das dann noch mit einem Armband verbunden, das permanent aufzeichnet, in welchem Zustand sich der Körper gerade befindet, kann die Temperatur zu Hause noch besser auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt werden. So begründet Nest die Zusammenarbeit mit dem Partner Jawbone, einem Unternehmen, das sich auf Armbänder spezialisiert hat, die messen können, wie viele Kalorien man verbraucht, wie viele Stunden man wie tief schläft, welche Nährstoffe man gerade zu sich genommen hat. Sinnvolle Verbindungen herstellen, nennt sich das im Firmen-Blog von Jawbone. Dazu gehört auch eine Partnerschaft mit Alfa Bank, einer russischen Firma, die Kunden höhere Kredite gibt, wenn das Armband zeigt, dass sie diszipliniert mit dem eigenen Körper umgehen. „Gesundes Leben ermöglicht gesunde Finanzen“, heißt das bei Jawbone.

          Profile für Unternehmen und Polizei

          Gute Finanzen ermöglichen also ein gesundes, klimafreundliches, sicheres Zuhause, in dem man noch besser schlafen kann, weil die Temperatur sich nach den Ruhephasen des Körpers richtet. Nach dieser Logik wird dann das Regal fragen: „War ein Whiskey nicht genug?“ und die Zahnbürste rufen: „Drei Minuten sind noch nicht vorbei.“ Und der Kleiderschrank wählt die Garderobe passend zur Außentemperatur. So tauchen die Nutzer ohne äußeren Zwang eines Big Brother in die Kontrollgesellschaft ein. Auf der Community-Seite von Jawbone tauschen User ihre Werte aus und vergleichen, wer mit welchen Maßnahmen mehr Kalorien verbrauchen oder besser schlafen konnte. Die personenbezogenen Daten lassen sich im klugen Zuhause zu umfassenden Bildern der Bewohner zusammenfügen – zur Freude von Industrie, Versicherungen und Polizei. Das scheint in der Community von Jawbone niemanden zu interessieren. Google kann gern mitlesen.

          Andere, die aus den alten, dummen Wohnungen kommen, sind dagegen eher verdächtig. Der „Forbes“-Autor Marco Chiapetta schreibt zwar von seiner Furcht vor Googles Eindringen ins Eigenheim, aber dafür habe er nun keine Angst vor Einbrechern mehr. Außerdem sei er erleichtert, dass er jetzt auch aus der Ferne prüfen könne, ob seine Haushaltshilfe auch alles richtig mache. Über die Haushaltshilfe muss er sich wohl bald keine Gedanken mehr machen, weil sicher bald ein aufmerksames Gerät an ihre Stelle treten wird. Leider wird sie dann die 130Euro für das Jawbone-Armband nicht mehr aufbringen können, was auch zu Kreditproblemen führen könnte.

          Alles unter Kontrolle

          Diejenigen aber, die den Wettbewerb um das effizientere Leben in ihre Eigenheime hineintragen, können beruhigt schlafen. Ihre Geräte übernehmen die Verantwortung. Im Smart Home verbinden sich kybernetische Ideen und neoliberale Logik und machen das Leben erfassbar, entschlüsselbar, berechenbar. Nichts wird mehr schiefgehen in diesem Zuhause, man wird keine Löcher in den Zähnen mehr haben und auch nicht mehr auf der Couch versacken. Der Zufall wird verbannt, und am Ende sagt das Bett einem nicht nur, wann man aufstehen, sondern auch, wann und wie lange man Sex haben soll. Und weil man in dieser Welt alles unter Kontrolle hat, weil das Armband so mit den Haushaltsgeräten vernetzt ist, dass deren Kommunikation das Leben besser und einfacher macht, wäre es auch nicht richtig, nur vom „Internet der Dinge“ zu reden. Im Jawbone-Blog nennt man es lieber „das Internet von dir“, weil es um eine Technologie geht, „die uns erlaubt, mehr Mensch zu sein“.

          Unter der Leitung von Google perfektionieren diese Firmen und ihre Vordenker die Überwachung aller menschlichen Regungen. In ihrer Logik ist das ein zivilisatorischer Auftrag. Sie helfen dem Menschen bei der permanenten Selbstoptimierung, über die er nicht einmal mehr nachdenken muss. Über Tony Fadell wird erzählt, dass er vor Enthusiasmus über diese Entwicklung in Konferenzen so wild auf den Stühlen herumwippe, dass sie immer wieder zerbrächen. „Welcome home“ hieß sein Blogeintrag, nachdem Google Nest gekauft hatte. Auf den Bildern strahlt er voller Wärme und Überzeugung in die Kamera.

          Bei Erhart Kästner, dem Autor des „Aufstands der Dinge“, kündigen die Dinge den unausgesprochenen Vertrag mit den Menschen. Sie streiken und ziehen von den Menschen weg, weil sie ihnen nur noch als Maschinen-Automaten dienen würden. Aus dem neuen Zuhause zieht sicher niemand aus, hier emanzipiert sich keiner mehr. Die Dinge haben darin ein „Bewusstsein“ erhalten, so Fadell, und die Bewohner können mehr „Mensch“ sein. Was in der neuen Welt heißt: Beide können jetzt noch besser funktionieren. Ding und Mensch haben sich perfekt aufeinander abgestimmt, sind untrennbar miteinander verbunden. Und es ist sicher und bequem.

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