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Smart Home : Wo der Kühlschrank mit der Heizung spricht

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Profile für Unternehmen und Polizei

Gute Finanzen ermöglichen also ein gesundes, klimafreundliches, sicheres Zuhause, in dem man noch besser schlafen kann, weil die Temperatur sich nach den Ruhephasen des Körpers richtet. Nach dieser Logik wird dann das Regal fragen: „War ein Whiskey nicht genug?“ und die Zahnbürste rufen: „Drei Minuten sind noch nicht vorbei.“ Und der Kleiderschrank wählt die Garderobe passend zur Außentemperatur. So tauchen die Nutzer ohne äußeren Zwang eines Big Brother in die Kontrollgesellschaft ein. Auf der Community-Seite von Jawbone tauschen User ihre Werte aus und vergleichen, wer mit welchen Maßnahmen mehr Kalorien verbrauchen oder besser schlafen konnte. Die personenbezogenen Daten lassen sich im klugen Zuhause zu umfassenden Bildern der Bewohner zusammenfügen – zur Freude von Industrie, Versicherungen und Polizei. Das scheint in der Community von Jawbone niemanden zu interessieren. Google kann gern mitlesen.

Andere, die aus den alten, dummen Wohnungen kommen, sind dagegen eher verdächtig. Der „Forbes“-Autor Marco Chiapetta schreibt zwar von seiner Furcht vor Googles Eindringen ins Eigenheim, aber dafür habe er nun keine Angst vor Einbrechern mehr. Außerdem sei er erleichtert, dass er jetzt auch aus der Ferne prüfen könne, ob seine Haushaltshilfe auch alles richtig mache. Über die Haushaltshilfe muss er sich wohl bald keine Gedanken mehr machen, weil sicher bald ein aufmerksames Gerät an ihre Stelle treten wird. Leider wird sie dann die 130Euro für das Jawbone-Armband nicht mehr aufbringen können, was auch zu Kreditproblemen führen könnte.

Alles unter Kontrolle

Diejenigen aber, die den Wettbewerb um das effizientere Leben in ihre Eigenheime hineintragen, können beruhigt schlafen. Ihre Geräte übernehmen die Verantwortung. Im Smart Home verbinden sich kybernetische Ideen und neoliberale Logik und machen das Leben erfassbar, entschlüsselbar, berechenbar. Nichts wird mehr schiefgehen in diesem Zuhause, man wird keine Löcher in den Zähnen mehr haben und auch nicht mehr auf der Couch versacken. Der Zufall wird verbannt, und am Ende sagt das Bett einem nicht nur, wann man aufstehen, sondern auch, wann und wie lange man Sex haben soll. Und weil man in dieser Welt alles unter Kontrolle hat, weil das Armband so mit den Haushaltsgeräten vernetzt ist, dass deren Kommunikation das Leben besser und einfacher macht, wäre es auch nicht richtig, nur vom „Internet der Dinge“ zu reden. Im Jawbone-Blog nennt man es lieber „das Internet von dir“, weil es um eine Technologie geht, „die uns erlaubt, mehr Mensch zu sein“.

Unter der Leitung von Google perfektionieren diese Firmen und ihre Vordenker die Überwachung aller menschlichen Regungen. In ihrer Logik ist das ein zivilisatorischer Auftrag. Sie helfen dem Menschen bei der permanenten Selbstoptimierung, über die er nicht einmal mehr nachdenken muss. Über Tony Fadell wird erzählt, dass er vor Enthusiasmus über diese Entwicklung in Konferenzen so wild auf den Stühlen herumwippe, dass sie immer wieder zerbrächen. „Welcome home“ hieß sein Blogeintrag, nachdem Google Nest gekauft hatte. Auf den Bildern strahlt er voller Wärme und Überzeugung in die Kamera.

Bei Erhart Kästner, dem Autor des „Aufstands der Dinge“, kündigen die Dinge den unausgesprochenen Vertrag mit den Menschen. Sie streiken und ziehen von den Menschen weg, weil sie ihnen nur noch als Maschinen-Automaten dienen würden. Aus dem neuen Zuhause zieht sicher niemand aus, hier emanzipiert sich keiner mehr. Die Dinge haben darin ein „Bewusstsein“ erhalten, so Fadell, und die Bewohner können mehr „Mensch“ sein. Was in der neuen Welt heißt: Beide können jetzt noch besser funktionieren. Ding und Mensch haben sich perfekt aufeinander abgestimmt, sind untrennbar miteinander verbunden. Und es ist sicher und bequem.

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