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Slavoj Žižek : Denker ohne Punkt und Komma

Er tut nichts. Er will nur spielen. Und er redet ohne Unterlass. Nun gab der Philosoph Slavoj Žižek einen Denkanstoß zum 9. November - und erklärte flugs den neu entflammten Anti-Kommunismus in Osteuropa zu einem verdrängten Anti-Kapitalismus.

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          Er tut nichts. Er will nur spielen. Slavoj Žižek ist einer jener Berufsintellektuellen, die vor allem unerwartet sein wollen, ein Hysteriker wider den Zeitgeist, die Sehgewohnheiten, die Mauer in den Köpfen und so weiter - ein Theorie spuckender Hyperaktiver in all seiner Pracht und herrlichen Erwartbarkeit. In dem Film „Žižek!“, der über ihn zu sehen war, erklärt er an einer Stelle, dass er nie aufhören könne zu reden. Wenn, so führt er aus, die Kette der Wörter abreißen würde, könnte das Publikum merken, dass dahinter nur ein großes Nichts zum Vorschein komme, ein bärtiger Freak.

          Tatsächlich ist dies das hervorstechende Merkmal des zwischen Psychoanalyse, Filmwissenschaft und Philosophie irrlichternden Žižek: Er redet ohne Unterlass, gemäß dem mittelalterlichen Gedanken der creatio continua sich selbst vor dem Zurücksinken ins Nichts bewahrend, ohne Punkt und Komma. Das Phänomen Žižek ist nicht ohne eine poststrukturalistische Kulturkritik zu denken, die vor expressiver Rauschgebärde immer noch ehrfürchtig erstarrt, statt das Hausbackene hausbacken zu nennen.

          Die Systemunterschiede verwischen sich

          Gestern ergoss sich Žižek orgiastischer Redestrom in die Leitartikelspalten der „New York Times“. Ein Denkanstoß zum 9. November unter der Überschrift „20 years of collaps“. Der gebürtige Slowene (und also ipse facto Osteuropa-Experte) greift zu diesem Anlass ins Repertoire des Unerwarteten und schüttelt den Kopf über den neu entflammten Anti-Kommunismus in Osteuropa - mit der pychoanalytischen Pointe, dass es sich bei diesem Anti-Kommunismus in Wahrheit um einen verdrängten Anti-Kapitalismus handele, weil - nun wieder ins Fach der politischen Theorie wechselnd - der Kapitalismus alle hässlichen Seiten des Kommunismus in sich trage: dessen Personal, dessen Korruption, dessen neue und alte Tricks.

          Der Kapitalismus als Inversion des Kommunismus: Vom Unbewussten her gesehen, verwischen sich alle Systemunterschiede. Dass einer wie Žižek, der die Fernwirkungen des Stalinismus am eigenen Leib gespürt hat, den Turbo-Kapitalismus nun mal eben als Variante des GULag darstellt, macht auf obszöne Weise das Nichts hinter den Worten dieses Getriebenen greifbar. Um was eigentlich geht es, wenn es um nichts mehr geht? Um die verblasene Verhöhnung der Opfer?

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