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„Skyline Plaza“ in Frankfurt : Und Europa ging zum Regenbogen

  • -Aktualisiert am

Bild: Claus Setzer

Wellenförmig schwingende Umrisse liegen im Trend und haben es nun auch nach Frankfurt geschafft: Außerdem verspricht die „Skyline Plaza“ wieder einmal ein neues Einkaufserlebnis. Was aber löst sie davon ein?

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          Während der letzten Wochen war es wie in Walt Disneys „Cinderella“, in dem die tüttelige Gute Fee einen monströsen Kürbis in eine Prunk-Kalesche verwandelt. Eben noch ragte ein schwarzgraues Betongebilde auf, das anmutete wie ein mehrfach eingedellter gigantesker Teekessel. Dann wuchsen in Windeseile Haltestangen aus den Wänden, auf die ebenso schnell farbglühende, an den Stirnseiten verspiegelte Lamellen montiert wurden, und am Ende stak das Ganze in einem mit zahllosen Zwischentönen von Gelb und Rot nach Blau und Grün changierenden Regenbogenstangenkorsett - die „Skyline Plaza“ mit 170 Läden, sechzehn Restaurants und Dachgarten war vollendet. Gestern feierte man die Eröffnung.

          „Zum Glismund“, „Frauenrode“ oder „Zum Rebstock“ hießen vom späten Mittelalter bis in die Neuzeit Frankfurts Kaufmannshäuser und Handelshöfe, deren Namen und unverwechselbare Gestalt ganz Europa kannte. Die neue Mall neben Frankfurts Messegelände bietet nun unter einer randständigen türkisgestreiften Zirkuskuppel - ein architektonischer Missgriff, der unweigerlich „Budenzauber“ evoziert - einen (noch unbepflanzten) „Vineyard“. Im inneren Boutiquenreigen fällt ein Laden auf, der sich wie das Feriendomizil der amerikanischen Präsidenten „Camp David“ nennt, und erschöpften „Shoppern“ verheißen Hinweistafeln Erholung im „Plaza-Garden“ auf dem Dach. Schlagender als mit diesen öden Amerikanismen kann man die Gleichschaltung der Globalisierung wohl kaum auf den Begriff bringen.

          Sanft geschwungene Kaufboulevards

          Nun ja, die alten Frankfurter nannten ihre berühmten, waghalsig und kunstvoll als „Haus auf dem Haus“ in die Steildächer der Altstadt konstruierten Freisitze gern „Belvederchen“. Genug also nun mit Kulturpessimismus, zumal der Betreiber ECE und das Architekturbüro Jourdan&Müller sich um ein originelles individuelles Erscheinungsbild bemüht haben. Ohne Vorbild sind sie allerdings nicht ausgekommen: Neben Paul Klee, den Benjamin Jourdan nennt, dürften den Entwurf die Bauten des angesehenen Büros Sauerbruch&Hutton inspiriert haben, deren GSW-Hochhaus in Berlin, Umweltbundesamt in Dessau und Museum Brandhorst in München erstmals mit Farblamellen überraschten.

          Auch die wellenförmig schwingenden Umrisse des ECE-Riesen liegen im Trend. In Frankfurt sorgen sie dafür, dass statt der üblichen schnurgeraden und trotz aller dekorativen Überreizung gähnend langweiligen Innenachsen sanft geschwungene Kaufboulevards das Innere erschließen. Auch der atmosphärische Grundton ist angenehm. Ein warmes Orange und Bodenfliesen in sanftem Milchkaffee-Beige, ruhige Passepartouts für die Aufgeregtheit der Warenwelt, bestimmen ihn. Dazu fällt immer wieder Tageslicht durch gläserne Deckenöffnungen - Lichtblicke, die das irreale Geflimmer der Spots und Deckenstrahler angenehm unterbrechen. Ganz ohne die gängigen infantilen Mall-Installationen aber ist auch die Skyline Plaza nicht ausgekommen: In einem Lichthof recken sich ein gerippeartiges „Vogelnest“ und ein anämisch stilisierter Baum zur gläsernen Decke.

          Der Blick auf die Stadt hat leider wenig Attraktives

          Der momentane Magnet der Mall ist ihr enorm weitläufiger Dachgarten. Zur Eröffnung waren sämtliche Fahrstühle hoffnungslos überlastet und alle Treppen dorthin überfüllt. Zum Höhenreiz, der jeden lockt, durfte in Frankfurt die Hoffnung kommen, endlich einmal das Flachdach eines Hochbaus zu betreten, das frei ist von jenen Metallkästen, Rohren und Röhren, sperrigen Antennen und rostenden Boxen, die auf jedem Bau der City wuchern - in ihrer schamlosen Ungestalt sind sie so etwas wie der Stinkefinger der Gegenwartsarchitektur, die sich nur um Fassaden, aber den Teufel um den gesamten Baukörper und dessen Erscheinung schert.

          „Alles kann besser werden. Wir schaffen uns den Himmel auf Erden“, dröhnen in einer Dachgarten-Bar die Stimmen der Söhne Mannheims aus den Lautsprechern. Ein Paradies ist dieses Areal jedoch keineswegs geworden: Wo nicht Rollrasen, Kunststeinplatten, Bäumchen in Kübeln oder regenbogenfarbene Lamellen den Boden kaschieren, blickt man durch Metallroste auch hier auf das übliche Labyrinth von Abluftrohren, T-Trägern und Versorgungsleitungen. Der Blick auf die Stadt hat auch wenig Attraktives. Außer der überkuppelten Messe-Festhalle von 1908, Helmut Jahns rotglühendem polygonem Messeturm und Christoph Mäcklers bronzefarbenem, zwei schräg gestellte Vierkante und einen Halbzylinder verbindendem „Tower 185“ fasst das Panorama nur Kisten und Kästen. Immerhin: Am Horizont schimmert magisch blaugrau die Silhouette des Taunus.

          An einer Seite des Dachgartens schaut man hinunter auf das werdende Europaviertel. Wie auf dem Reißbrett durchschneidet eine breite Achse das Areal, gesäumt von monumentalen Scheibenbauten; uniform, hell leuchtend, flirrende Fensterbänder, Flachdächer, ab und an durchkreuzen schnittige Baldachine und Auskragungen hilflos die Monotonie. Ist das Schanghai? Dubai? Hongkong? Sydney?

          Im Jahr 1999, als das Büro Albert Speer & Partner seine Entwürfe für das beräumte Gelände des ehemaligen Hauptgüterbahnhofs vorlegte, glänzte an der Stelle der jetzigen Skyline Plaza ein kristalliner Hochhaus-Katarakt. Eine Art Kulturforum sollte dort residieren, mit Musicaltheater, Künstlerateliers und Galerien. Etliche Planänderungen und Konjunkturschwankungen samt Banken- und Wirtschaftkrisen später ist daraus eine Mall geworden. Eine, der Ironie nicht fremd scheint: „Pull and Bear“ lautet der Name einer Boutique. Dass dies als mokante Anspielung auf die beiden Bronzeskulpturen „Bull and Bear“ vor Frankfurts Börse verstanden werden kann, könnte Kalkül sein. Galgenhumor nicht. Der hat, trotz aller Risiken, die es bedeutet, diesen neuen Riesen angesichts dreier bereits vorhandener ECE-Malls sowie der zentralen Mall „My Zeil“ zu eröffnen, mit der Skyline Plaza so viel zu tun wie ein Einkaufsparadies mit dem Himmel auf Erden.

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