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Simon Rattle kommt zurück : Höhere Ziele im Leben

  • -Aktualisiert am

Sir Simon Rattle wird am 19. Januar 2021 sechsundsechzig Jahre alt. Bild: dpa

Simon Rattle übernimmt die Leitung des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks. Das wird ihn auch brauchen. Mutlos ist die Entscheidung trotzdem – zugleich aber ein deutlicher Wink Richtung Berlin.

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          Mariss Jansons war nach seinem Tod am 1. Dezember 2019 noch nicht unter der Erde, als man aus München schon das Gerücht vernahm, Sir Simon Rattle würde sein Nachfolger als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks werden. Jetzt ist aus dem Gerücht eine Nachricht geworden: Schon am 3. Januar hat Rattle einen Fünfjahresvertrag unterzeichnet, der mit der Saison 2023/24 in Kraft tritt. Eine Spielzeit zuvor endet sein derzeitiger Vertrag beim London Symphony Orchestra. Große Lust, dort zu bleiben, wird er nicht mehr haben nach dem Brexit, den er eine „Selbstverstümmelung“ der Briten nannte, und inmitten einer desaströsen Lage des Kulturlebens, die keine Aussicht mehr lässt auf einen neuen Konzertsaal, dessen Bau Rattle so sehr forciert hatte.

          München freilich wiederholt in seiner Personalpolitik nur das eingefahrene Muster der Mutlosigkeit, einzukaufen, was woanders erprobt wurde. So kam weiland Christian Thielemann von der Deutschen Oper Berlin zu den Münchner Philharmonikern, so kommt jetzt Vladimir Jurowski vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin an die Münchner Staatsoper. An Frauen wie Mirga Gražinyte-Tyla oder Oksana Lyniv hat man in Bayern wohl nicht gedacht. Man wird Rattle, immerhin politisch erfahren, in München allerdings brauchen, wo der Bayerische Rundfunk nach dem Weggang seines Intendanten Ulrich Wilhelm riesige Einsparleistungen erbringen muss und wo auch das Geld für einen neuen Konzertsaal knapp werden wird. Das Orchester kann sich auf einen Dirigenten freuen, dessen Repertoire nicht erst mit Beethoven anfängt und mit Strauss endet, sondern von Rameau bis Lachenmann reicht. Die Reihe Musica Viva, beim Bayerischen Rundfunk verankert, wird mit solch einem kenntnisreichen wie beweglichen Kopf in ihrem Einsatz für die Orchestermusik der Gegenwart gestärkt.

          Pikant aber ist Rattles Entscheidung für die Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent er bis 2018 war. Dass er von dort nach London ging, konnte man noch verschmerzen, nachdem die letzten Jahre in Berlin ein angespanntes Gegeneinander gewesen waren und Rattle in der „Neuen Zürcher Zeitung“ noch nachgetreten hatte, die Berliner Philharmoniker pochten zu sehr auf ihre Tradition und würden zu wenig nach vorne blicken. Dass er aber jetzt nach Deutschland zurückkehren wird, kommt für Berlin einer Degradierung gleich: Ihrem eigenen Anspruch nach wollen die Philharmoniker das beste Orchester der Welt sein. Für Rattle waren sie ganz deutlich nicht der Gipfel seiner Karriere.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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