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Sinti und Roma-Mahnmal : Ohne Atem, ohne Worte

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Idylle und Mahnort zugleich: Dani Karavans Denkmal für die im „Dritten Reich“ ermordeten Sinti und Roma Bild: dpa

Was man zunächst für ein poetisches Bassin am Berliner Tiergarten halten kann, ist eine zurückhaltende Stätte des Gedenkens: Am Mittwoch wird das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma eingeweiht.

          Nach zwanzig Jahren ist es so weit: Heute wird im Berliner Tiergarten, nahe dem Reichstag, dem Brandenburger Tor und dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, ein Gedenkort eingeweiht, der an den Völkermord an einer halben Million Sinti und Roma erinnert. Als wenige Tage zuvor Romani Rose, der Initiator des Denkmals, den Ort betritt, der mitten im Großstadtlärm einer Oase des Friedens und der Harmonie gleicht, atmet er auf.

          Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma und Begründer eines Dokumentationszentrums in Heidelberg, bedankt sich überschwänglich - beim Land Berlin, bei der Republik, den Bauherren und den Geldgebern. Keine Anklage, keine Schuldzuweisungen - der Ort bedeutet ihm die öffentliche Anerkennung der Verbrechen an seinem Volk, die dem Tatbestand des Genozids aus Rassenwahn so entsprechen wie der Holocaust.

          Was als Aufrechnen von Zahlen, Quantitäten, rassistischen und anderen Motiven innerhalb der Opfergruppen immer schon fragwürdig und unwürdig war, scheint für Romani Rose mit diesem Ort nun eine positive Verwandlung zu erfahren - selbst die vielkritisierte einstige Entscheidung, kein gemeinsames Mahnmal für alle Opfergruppen des Nazi-Terrors zu schaffen.

          Kette der Erinnerung

          Erst 1982 wurde die Vernichtung der als „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ verfolgten Sinti und Roma als Völkermord anerkannt. Bis dahin hatten die Überlebenden, die auch nach dem Krieg weiterhin als kriminell und asozial diskriminiert wurden, jahrzehntelang einen ebenso skandalösen wie beschämenden Kampf um die Anerkennung ihrer Leiden, um Renten und um Entschädigung führen müssen. Nun aber scheint es, als sei mit der Gedenkstätte die Gefahr, innerhalb der Opfergruppen eine neue Selektion vorzunehmen, gebannt. Keiner, so Rose, der aus dem Parlament komme, könne diesen Ort meiden.

          Die Idylle - ein Stolperstein, hinter dem Erinnerungen warten: Zunächst nur kriminalisiert und als Asoziale verfolgt, wurden Sinti und Roma seit den Nürnberger Rassegesetzen auch rassistisch stigmatisiert, wofür seit 1938 eine eigene „rassenhygienische Forschungsstelle“ zuständig war. 1940 folgten Zwangssterilisationen und Deportation.

          Der israelische Künstler Dani Karavan, der in Berlin die Tafeln für das Grundgesetz zwischen den Abgeordnetenhäusern, in Nürnberg die „Straße der Menschenrechte“ und in Portbou den Gedenkort für Walter Benjamin gestaltete, hat die Gedenkstätte all dieser Greuel entworfen. Ihr Zentrum ist ein großes kreisrundes Wasserbecken, in dessen dunklem, Tiefe suggerierendem Wasser sich Betrachter, Bäume, Licht und Himmel und, je nach Abstand, auch das Reichstagsgebäude spiegeln. Natur, Geschichte, der Mensch bilden symbolisch die Glieder einer Kette, in der Erinnerung lebt und sich immer neu, immer anders für jeden verknüpft. Nicht was Erinnerung sei, so der zweiundachtzigjährige Künstler, sondern was sie hervorbringe, sei entscheidend.

          Melancholie des Friedhofs

          Dementsprechend hat Karavan sein Werk mit einem „Ritual“ verbunden: In der Mitte des Beckens ist eine Stele eingelassen, deren Dreiecksform, knapp den Wasserspiegel überragend, an die Kennzeichnung der „Zigeuner“ in den Konzentrationslagern erinnert. Täglich zur Mittagszeit versinkt die Stele und taucht mit einer frischen Blume wieder auf. Ein (von einem Rom-Musiker eingespielter) Geigenton in wechselnden Höhen ist, mal mehr, mal weniger hörbar, ständige Begleitung, ja Irritation. Wie beim Lesen der Texte samt der zahlreichen Namen der Konzentrationslager, die um das Becken herum in Feldsteinplatten eingemeißelt sind und deren Lesbarkeit sich je nach Lichteinfall verändert, muss man die diversen Sinne aktivieren, um zu hören, zu sehen, genauer hinzuhören, genauer hinzusehen.

          Hinter den Steinplatten Wiese, umrahmt von Bäumen und Büschen - es ist die melancholische Poesie des Friedhofs, die hier herrscht. Das Stelen-Ritual lässt Gedenkfeiern und Begräbnisse assoziieren. Übergewichtigem Pathos, dem Problem fast aller Denk- und Mahnmäler, beugt die klare Sprache der Formen vor - Kreis und Dreieck, Stein und Wasser, Baum und Wiese, eingebunden in den Kreislauf der Jahreszeiten, der Geschichte und der Zeit des Gedenkens.

          In die Umrandung des Brunnens ist das Gedicht „Auschwitz“ des Rom-Musikers und Triester Professors Santino Spinelli eingeprägt. „Ein zerrissenes Herz / ohne Atem / ohne Worte / keine Tränen“ - in Deutsch, Englisch und Romanes ist das Gedicht noch einmal in eine Steintafel am Ende der großen Glaswände eingelassen, auf denen neben dem südlichen Eingang auf Deutsch und Englisch die Chronologie der Verbrechen an Sinti, Roma und anderen Stämmen zu lesen ist.

          Auf der nördlichen Seite, zum Reichstag hin, sind auf weiteren Glaswänden die Erklärungen Helmut Schmidts und Roman Herzogs von 1982 und 1997 dokumentiert, in denen dieser Genozid erstmals offiziell bestätigt wurde. So will denn auch Dani Karavan sein Denkmal als Ehrung dieser Opfergruppe verstanden wissen, für die er den Auftrag nicht als Jude, sondern schlicht als Mensch übernahm. Doch auch für ihn, dem hier eine beeindruckend vielschichtige Arbeit gelang, ergaben sich während des Entstehens diffamierende Anfeindungen und widrige Arbeitsbedingungen. Diskriminierung, Antisemitismus und Antiziganismus existieren trotz der geschichtlichen Erfahrungen bis heute.

          “Verzeiht den anderen ihr Anderssein“ lautet der Appell der heute neunzigjährigen Sintezza Philomena Franz, die die berüchtigte Liquidierung des „Zigeunerlagers Auschwitz“ Anfang August 1944 überlebte und erst nach langem Schweigen von ihren Leiden berichtete. Entgegen aller „political correctness“ nennt sie sich eine „Zigeunerin vom Stamme der Sinti“. Sich selbst einen Namen zu geben - auch das zählt zu den Menschenrechten, die das NS-Regime mit Füßen trat. Rom heißt in der Sprache der Sinti und Roma Mensch. Das Wort ist diesem Gedenkort unsichtbar eingeprägt: als das Menschenmögliche in seinem doppelten Sinn.

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