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Sinti-Gitarrist Lulo Reinhardt : Der Swing des Lebens

Rotes Speichenrad auf grünem Grund: Die Flagge der Roma auf Lulo Reinhardts Daumen weist nach Indien. Bild: Michael Kretzer

Lulo Reinhardt stammt aus einer bekannten Musikerfamilie. Doch den Gypsy Swing seiner Vorfahren hat er hinter sich gelassen. In seinem neuen Album folgt er seinen Wurzeln nach Indien, die Geschichte der Sinti lässt ihn nicht los.

          Die Kunsthalle in Montabaur ist ein karger, vereinsgeführter Mehrzweckraum mit dem Charme eines früheren Reifenlagers. Doch wenn Lulo Reinhardt hier ein Konzert gibt, sieht man wegen der vielen Gäste den Betonboden nicht. Der Gitarrist lebt ganz in der Nähe der Kreisstadt, und mit seiner Indianerfrisur, dem gewinnenden Auftreten und seinem lackierten Daumennagel, auf dem ein Sinti-Rad prangt, kennt ihn fast jeder im weiten Umkreis von Koblenz, wo er geboren wurde. Er führte in den achtziger und neunziger Jahren eine Musik-Kneipe in Ehrenbreitstein, die er auch für eine Offerte aus der Zweiten Fußballbundesliga nicht aufgab, wurde, als die Kneipe dem Hochwasser zum Opfer fiel, Maler und Anstreicher, anschließend für ein paar Jahre Kurierfahrer. Das alles nicht nur, um seine Familie zu ernähren, sondern auch, um in seine Musik zu investieren, um irgendwann einmal von ihr leben zu können, was ihm seit mehr als zehn Jahren gelingt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Kind wuchs Reinhardt unter Maurern, Plakatklebern, Korbflechtern, Schrotthändlern, früheren Zirkusartisten und Berufsmusikern in drei aneinandergeschweißten Bauwagen auf. Die Siedlung mit dem verschlungenen Namen „Schönbornslusterweg“ in Koblenz-Lützel fand er „paradiesisch“, auch wegen der Pferde seines Onkels. Mit seinem Vater Bawo fuhr er damals noch übers Land, klingelte an den Türen, fragte nach Antiquitäten zum Ankauf, auch Messer und Scheren schliffen sie – ein einträgliches Geschäft zu Zeiten, in denen es noch keine Wetzkurse bei Manufactum gab. Gitarre spielen lernte er mit fünf Jahren bei seinem Vater, einem Cousin des in den sechziger Jahren als „neuer Paganini“ gefeierten Geigers Schnuckenack Reinhardt und Bruder von Daweli, der im Schnuckenack-Reinhardt-Quintett die Gitarre spielte. Wie genau die deutschen Reinhardts mit der französischen Swing-Legende Django Reinhardt verwandt sind, ist nicht genau geklärt. Schnuckenack sagte, er sei ein Vetter von Django, hat den 1953 früh Verstorbenen aber nie kennengelernt.

          Brachte die damals so genannte „Zigeunermusik“ auf die große Bühne in Deutschland: Schnuckenack Reinhardt mit seinem Quintett

          Lulo Reinhardt spielt von seinem zwölften Lebensjahr an in mehreren Gypsy-Bands, unter anderem in der seines Cousins Mike, der als Wunderkind gehandelt wurde und mit Max Greger im Fernsehen aufgetreten war. Mit seinem Vater und einem weiteren Cousin gründet er in den Neunzigern die Band „I Gitanos“, die Latino-Elemente mit Gypsy Swing verbindet und – seinerzeit ungewöhnlich – ausschließlich in Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, textet. Die Ausbildung zum Solo-Gitarristen überspringt Lulo Reinhardt als Rhythmusgitarrist und Bassist, wie er sagt. Er holt sie später bei seinen eigenen Projekten nach. Heute bezeichnet er sich als „rhythmischen Sologitarristen“, weil er immer in Akkorden und Harmonien denke.

          Ein erster Temperamentsausbruch

          Reinhardts neuestes Projekt heißt „Gypsy meets India“ und ist das bisher wichtigste für den 56 Jahre alten Musiker, der keine Noten lesen kann und seine Kompositionen im Kopf speichert. Obwohl die Sinti, die bereits im frühen fünfzehnten Jahrhundert nach Europa kamen, aus Indien stammen und das Romanes mit dem Sanskrit verwandt ist, hat noch niemand versucht, die klassische indische Musik mit dem von Django Reinhardt geprägten europäischen Swing zu verschmelzen.

          Bei der Albumpremiere in Montabaur wird Lulo Reinhardt von Debashish Bhattacharya begleitet, einem grammy-nominierten Virtuosen auf der Hindustan Indian Slide Guitar, die sich als selbstgebautes Saitenungeheuer mit integrierter Sita entpuppt. Sein Bruder Subhasis, dessen prägnantes Spiel in unzähligen Bollywood-Filmen zu hören ist, schlägt dazu trancehaft die Tabla, die indische Trommel, während Debashishs Tochter Anandi, die im vergangenen Jahr das hochgelobte Album „Joys Abound“ veröffentlichte, mit ihrer klaren Stimme die Instrumente immer wieder sehnsuchtsvoll transzendiert.

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