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Kulturelle Aneignung? : Haare sind heilig

Die Musikerin Ronja Maltzahn trägt blonde Dreadlocks. Das geht gar nicht, sagen die Leute von Fridays for Future Bild: dpa

Ein bizarrer Streit um lange, verfilzte Haare: Wenn weiße Menschen sich Dreadlocks wachsen lassen – rauben sie dann den Schwarzen deren Kultur?

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          Die Journalistin Aline von Drateln hat soeben bei Twitter auf den Begriff gebracht, was die Sorge vieler Menschen ist, denen die Natur lange, lockige Haare geschenkt hat: Jeden Morgen, so schreibt die Kollegin, sehe sie aus, als hätte sie sich über Nacht eine Kultur angeeignet. Lange, lockige, verfilzte Haare, im Fachjargon „Dreadlocks“ genannt, sind nämlich nicht einfach eine Frisur und erst recht keine Nichtfrisur, die jeder tragen kann, wie er will. Sie sind Ausdruck und Kennzeichen einer exklusiv schwarzen Kultur, und wer in diese Kultur nicht hineingeboren wurde, hat kein Recht, seine Haare verfilzt zu tragen: So sieht es jedenfalls die hannoversche Ortsgruppe von Fridays for Future, und mit dieser Begründung hat man die weiße, Dreadlocks tragende Musikerin Ronja Maltzahn wieder ausgeladen von einer Demonstration, bei der sie auftreten sollte: Es handle sich „um kulturelle Aneignung, da wir als weiße Menschen uns nicht . . . mit dem kollektiven Trauma der Unterdrückung auseinandersetzen müssen“.

          Und bevor man, als konservativer weißer Mensch, der mit der Erfindung des Kamms, des Föhns und des Seitenscheitels grundsätzlich einverstanden ist; oder als fortschrittlicher weißer Mensch, der sich daran erinnert, dass mit dem Abschneiden alter Zöpfe und der Abschaffung filziger Allongeperücken die erfolgreicheren Revolutionen begonnen haben – bevor man also fragt, was es überhaupt mit Kultur zu tun habe, wenn Menschen ihre Haare nicht mehr pflegen, kann man kurz auf die ungeklärte Urheberschaft der seltsamen Sitte verweisen. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung hat die Dreadlocks von den Rastafaris übernommen, der frauenverachtenden und schwulenfeindlichen jamaikanischen Pseudoreligion. Die Rastas haben es von den muslimischen Derwischen oder hinduistischen Sadhus; selbst Wikinger, vermuten Historiker, haben die Haarkämme gehasst.

          Und so könnte man versuchen, die gesamte Kulturgeschichte der verwahrlosten Köpfe zu überblicken, und käme endlich am Anfang aller Sittengesetze an, im vierten Buch Moses, wo geschrieben steht, dass, wer Dreadlocks trägt, heilig sei: Wenn sich jemand dem Herrn geweiht habe, „soll kein Schermesser über sein Haupt fahren. Bis die Zeit um ist, für die er sich dem Herrn geweiht hat, ist er heilig und soll das Haar auf seinem Haupt frei wachsen lassen.“ Falls sie sich die Locken abschneide, dürfe sie kommen, hieß es in einer ersten Post an die Musikerin. Ein Vorschlag von biblischer Wucht: Nur dass auch FFF Buße tun und die Haare scheren sollte. Selbst wenn dann Skinheads über kulturelle Aneignung klagen werden.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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