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Deutsch-türkische Beziehungen : Wie deutsch ist die Türkei?

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Ein Zeichen der Gemeinsamkeit - das Brandenburger Tor erstrahlt in den Farben der türkischen Flagge. Bild: dpa

Eine Verständigung zwischen beiden Ländern scheint im Moment geradezu unmöglich zu sein. Die Deutschen fühlen sich beschimpft, die Türken missverstanden. Haben sich beide Seiten nichts mehr mitzuteilen?

          Ist Deutschland noch das Deutschland, wie wir Türken in der Türkei es einmal kannten? Für jene, die wie ich vor 1980 geboren worden sind und die nicht in Erdogans „neuer Türkei“ aufwuchsen, war Deutschland immer ein schönes Land. Für Leute wie mich war es lange ein gelber Mercedes, der jedes Jahr, wenn die Gastarbeiter Sommerurlaub machten, in die Kleinstadt rollte, in der ich zur Welt gekommen bin. Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung „Büffelkarosse“ auch in Deutschland existiert - wegen seiner Breite und seines Komforts nannten bei uns die Erwachsenen den Mercedes so. „Almanya“ - „Deutschland“, das war für mich auch die Frisur der Jungs, die hinter den Eltern aus dem funkelnden Mercedes stiegen. Ihr Haarschnitt machte mächtig Eindruck auf uns. Obwohl er längst aus der Mode gekommen ist, wird in der Türkei ein Kurzhaarschnitt mit bis in den Nacken reichenden Haaren noch immer „Deutschländerfrisur“ genannt. „Almanya“, das waren auch die Sportschuhe dieser Jungs. Es war auch die Nussschokolade, die sie bisweilen mit uns teilten. Und ihr Fußball von Adidas, mit dem wir zusammen kickten und den sie bei uns ließen, wenn sie am Ende der Ferien wieder nach Deutschland fuhren. „Rummenigge“ nannten wir die besten Kicker unseres Viertels. Über Satellitenschüssel und bei wackeligem Empfang schauten wir heimlich die Sendungen „TuttiFrutti“ und „Schulmädchen-Report“. Ja, dieses „Almanya“ mochten wir.

          Deutsche Kultur gehörte zum türkischen Alltag

          Als wir älter wurden, wuchs mit uns auch „Almanya“. Im Geschichtsunterricht lernten wir, dass Deutschland in der jüngeren Geschichte stets ein Verbündeter der Türkei gewesen war. Es gibt einen Satz, den jeder Türke seit der Schulzeit im Gedächtnis behalten hat: „Wenn Deutschland besiegt wird, gelten auch wir als besiegt.“ Über Generationen hinweg lernten türkische Kinder, warum das Osmanische Reich am Ende des Ersten Weltkriegs auf Seite des Verlierers stand: Die Osmanen waren Verbündete des Deutschen Reichs gewesen. Das Zitat war für uns jedoch viel mehr als nur ein Schulbuchsatz. Wir wollten, dass Deutschland auf keinem Gebiet verliert. Bei allen Wettkämpfen, genauer gesagt bei jenen, an denen die Türkei nicht teilnahm, unterstützte die gesamte Nation stets Deutschland - woran zweifellos auch unsere in Deutschland lebenden Landsleute ihren Anteil hatten. Auch die aus Deutschland importierten Fußballer, die Türkisch mit deutschem Akzent sprachen, waren für uns „Almanya“. Und natürlich verehrten wir alle Katarina Witt - einschließlich meiner Mutter, die nur die Grundschule besucht hat.

          Als wir anfingen, in die Disco zu gehen, waren die Songs, die uns am meisten Spaß machten, Deutschland. Etwa „Da Da Da“ von Trio. Wir hatten zwar keine Ahnung, worum es geht, ahnten aber, dass man die Texte selbst mit Deutschkenntnissen nicht gerade sinnreich finden würde. Als wir uns für die Welt, für Politik und Literatur zu interessieren begannen, da war Deutschland Nietzsche. Und ziemlich viel Brecht. Die Zeit des Nationalsozialismus sahen wir durch die Augen des kleinen Oskar aus Günter Grass’ „Blechtrommel“. Mit Günter Wallraff fuhren wir in den Schacht und lernten mit Ali Sinirlioglu, was es hieß, „Ganz unten“ zu sein.

          Die Politik wandelte sich

          Nur wenige von uns lernten Deutsch. Es war die Sprache jener, die eines der wenigen deutschsprachigen Gymnasien besuchten, die es in der Türkei gibt. Eltern schickten ihre Kinder dorthin, weil sie die deutsche Disziplin schätzten und wünschten, dass ihr Nachwuchs später den Beruf des Ingenieurs ergreift. Ansonsten lernten nur jene Jungs Deutsch, die in den Ferien in einem Hotel jobbten oder eine Lehre bei einem Teppichhändler im Istanbuler Touristenviertel anstrebten. In den Sommern der neunziger Jahre veranstalteten türkische Zeitungen, kurz bevor die deutschen Touristen an die Küsten strömten, Coupon-Aktionen: Wer 30 Coupons gesammelt hatte, bekam ein Deutsch-Lernset geschenkt. Die Leute sammelten wie verrückt, um wenigstens ein „Ach so“ oder „Danke schön“ gegenüber den Deutschen aussprechen zu können. Deutschland, das war aber auch eine Art, seine Rechnung zu begleichen: „Alman hesabi“- „deutsche Rechnung“ riefen wir dem Kellner zu, wenn wir im Restaurant zusammen saßen, aber getrennt bezahlen wollten. In der Türkei ist das eine feststehende Wendung, und wir nahmen an, sie existiere auch im Deutschen. Als ich Freunden in Deutschland, das ich später häufig besuchte, mit „deutsche Rechnung“ kam, erntete ich aber nur Unverständnis.

          Gekommen, um zu bleiben: Süleyman Cözmez (rechts) war als Gastarbeiter bei Ford in Köln angestellt und gründete eine Familie. Die arbeitet noch immer bei Ford.

          All das war Deutschland für uns. Der eine schwärmte für deutschen Fußball, der andere für Karl Marx oder Rosa Luxemburg. Wir alle, jeder nach seiner Fasson, liebten Deutschland. Dann aber „wurden wir groß, und die Welt wurde schmutzig“, wie es in einem Vers des türkischen Dichters Murathan Mungan heißt. Die Politik wandelte sich. Für alle, die in den ersten Jahren der AKP-Regierung geboren wurden oder damals Kinder waren, bedeutet „Almanya“ heute nichts mehr von alledem.

          Deutschland wird für alles Schlechte verantwortlich gemacht

          Das liegt nicht etwa daran, dass neben den „Büffelkarossen“ bald auch jede Menge anderer funkelnder Autos unsere Straßen verstopften, oder daran, dass die Supermärkte mittlerweile Dutzende ausländischer Schokoladensorten führen (Rittersport leider immer noch nicht). Auch dass immer weniger Deutsche in die Türkei reisen, ist meines Erachtens nicht der Grund. Wir erleben vielmehr eine Politik, deren Macht auf Polarisierung beruht; die immer neue Gegensätze schafft und rhetorisch ausschlachtet; die Wähler mobilisiert, indem sie illusionäre Gegner schafft. Hinter jedem Problem wird eine ausländische Hand vermutet, jeder Kontrahent als Spion bezichtigt. Wir haben vor einem surrealen Diskurs kapituliert, der von Sprechern der Regierung ausgegeben und von AKP-Anhängern selig aufgenommen wurde. Er lässt sich so zusammenfassen: „Deutschland beneidet uns.“

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          Es wird behauptet, hinter allem, was uns in den vergangenen Jahren Schlechtes widerfahren ist, stecke Deutschland. Immer ist es „Almanya“, das unsere Wirtschaft sabotieren und uns spalten will. Es sollen deutsche Stiftungen gewesen sein, die verhinderten, dass in der Türkei Cyanide im Bergbau eingesetzt werden. Hinter den Gezi-Protesten steckte angeblich der BND, der verhindern wollte, dass man in Istanbul einen dritten Flugplatz baut, der Frankfurt als Transitdrehkreuz Konkurrenz machen könnte. Dass Merkel beinahe alle drei Monate in die Türkei reist und auf Erdogans vergoldeten Sesseln Platz nimmt, ändert nichts an der Rhetorik. Ein ehemaliger Polizeichef hat im Fernsehen erklärt, Deutschland stecke hinter den in der Türkei verübten Terroranschlägen. Als unser Finanzminister deutsche Investoren in die Türkei einlud, erklärte Erdogans Wirtschaftsberater Yigit Bulut, Deutschland stecke hinter dem Putsch vom 15. Juli. Auch war in der Türkei zu lesen, der Selbstmordanschlag im Januar 2016 nahe der Blauen Moschee, bei dem zehn Deutsche getötet wurden, sei von deutscher Hand organisiert worden. Letztendlich geht es Deutschland wie dem Helden in Kafkas „Verwandlung“: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Dank unserer Regierung kenne ich nun die Hintergründe. Offenbar hat Deutschland meine Generation und mich jahrelang mit Büffelkarossen, guter Schokolade und „TuttiFrutti“ übertölpelt.

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