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Dresdner Residenzschloss : Schluss mit der Erfindung von Geschichte

  • -Aktualisiert am

Der Hof des Residenzschlosses spiegelt sich in einem Autodach. Bild: Sebastian Kahnert/dpa

Sind Abriss oder Rekonstruktion wirklich die einzigen Wege, mit maroden Kulturdenkmälern umzugehen? Bei der Restaurierung des Dresdner Residenzschlosses ist die Kurskorrektur gelungen.

          Wer in Dresden das stolze Residenzschloss und die Semperoper besucht, dem fällt schwer zu glauben, dass es auch anders hätte kommen können. 1948 gab es Pläne, die ausgebrannten Ruinen von Oper und Schloss abzureißen und einen Aufmarschplatz anzulegen, wie es zur selben Zeit beim Berliner Schloss diskutiert und zwei Jahre später in die Tat umgesetzt wurde. In Dresden gab es Widerstand, und durch ein ebenso hartnäckiges wie geschicktes Agieren von amtlichen Denkmalpflegern, Technischer Universität und interessierten Bürgern gelang es, zunächst die Ruinen einigermaßen zu sichern und später den Wiederaufbau zu organisieren. Konnte die Semperoper ab 1977 wiederaufgebaut und 1985 eingeweiht werden, waren beim Schloss größere ideologisch-politische Hürden zu überwinden. Im Zuge der Hinwendung der DDR zum bauhistorischen Erbe des Landes kam aber auch die Arbeit am Schloss in Gang.

          Die Rückgewinnung eines in verschiedenen Epochen gewachsenen Bauorganismus ist kein Selbstläufer. Welches Bauteil, welcher Raum wird in welche Epoche zurückversetzt? Bei diesen Entscheidungen spielen der Zerstörungsgrad, die Verlässlichkeit der Dokumentation durch Pläne, Fotos und Originalbruchstücke und die Qualität der letzten Bauphase eine Rolle. Ende 1983 formulierten die Denkmalpfleger ihre „denkmalpflegerische Zielstellung“ für das Residenzschloss. Vielleicht vom Publikumserfolg des Wiederaufbaus der vor der Eröffnung stehenden Semperoper euphorisiert, die vor allem in der Innenausstattung vollständig und kompromisslos rekonstruiert wurde, wagten sich die Denkmalpfleger sehr weit vor. Gegen die Rekonstruktion verlorener Zustände, von der reinen Lehre der Denkmalpflege geächtet, hegten sie nicht die geringsten Zweifel. Doch sie gingen noch wesentlich weiter. Bauteile, Skulpturen und Wandschmuck, die schon seit drei Jahrhunderten nicht mehr existieren, standen auf ihrem Wunschzettel. Vor allem nach der Wende schien es, als könnte niemand die sächsische Denkmalpflege in ihrem Ansinnen, das Schloss wieder in die glorreiche Renaissancezeit zu versetzen, bremsen. Als die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger 1994 in Meißen tagte und sich auch die Planungen für das Dresdner Schloss ansah, verbreitete sich in ihren Reihen starkes Unbehagen. Doch die Landeskonservatoren aus dem Westen enthielten sich öffentlicher Kommentare über die Vorhaben der verdienstvollen sächsischen Kollegen.

          Ein Beitrag in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 4. Februar 1995) machte die Bedenken jedoch publik. Die Fachdiskussion nahm Fahrt auf, auch in Dresden, und führte zu einer grundlegenden Korrektur der Zielstellungen. Die Rekonstruktion des 1701 ausgebrannten Riesensaals samt kompletter Ausmalung unterblieb ebenso wie der Abriss des Ostflügels oberhalb des Torhauses und die Krönung des Osttors mit einem Rundtempelchen von 1595, das schon 1725 wieder verschwand und von dessen Aussehen es keine verlässlichen Bilder oder gar Pläne gibt. Das Innere der Schlosskapelle, heute „Schützkapelle“ genannt, weil Heinrich Schütz darin wirkte, genügte den Ansprüchen schon seit der Konversion von Friedrich August I. zum Katholizismus nicht mehr. Es wurde 1737 ausgeräumt und umgebaut und  und erhielt wieder das Schlingrippengewölbe von 1553, rekonstruiert auf der Grundlage von zwei Kupferstichdarstellungen aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert und einem im Schutt gefundenen Rippenteil. Die reiche skulpturale Bauzier, Schlangenleiber, Engel sowie Deckenmalereien, wollte man denn doch nicht mehr neu erfinden.

          Im Advent bietet der Stallhof im Schloss einem Weihnachtsmarkt Platz.

          Die bereits 1991 begonnene Neufassung des spektakulären Fassadenschmucks im großen Schlosshof allerdings konnte nicht mehr aufgehalten werden und wurde zu Ende geführt. Wie das bereits 1708 entfernte weiß-anthrazitgraue Sgraffiti-Dekor mit reichhaltigen Ornamenten und figürlichen Darstellungen ausgesehen hatte, weiß man nur ungefähr von überhöhten Gemälden und von Fotos eines im Krieg zerstörten Renaissancemodells des Schlosses. Sie sind also nachempfunden. An der Ostwand sind sie vollends Phantasie, denn hier musste die Renaissancegliederung auf eine gänzlich anders befensterte Wand aus dem neunzehnten Jahrhundert zurechtgebogen werden.

          Die Geschichtsfälschung will man künftig nicht verhehlen. In der Ausstellung zum Schicksal des Residenzschlosses, die in der gotischen Gewölbehalle im Ostflügel kostenlos zugänglich sein wird, soll den Besuchern unmissverständlich vor Augen geführt werden, was beim Wiederaufbau geschehen ist. Dass zum Beispiel der große Schlosshof heute nicht authentisch ist, sondern ein „Bühnenbild“, das die zweite Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts illusionieren soll.

          Inzwischen ist der Außenbau des Residenzschlosses vollendet, und die innere Ausgestaltung der letzten Rohbaubereiche, die Paraderäume, die Gewölbehalle im Ostflügel, im Nordflügel ein Restaurant und die Schlosskapelle als dringend benötigter Veranstaltungssaal sind in Arbeit. Glücklich sind die Museumsleute über das nach anfänglichen Irritationen inzwischen populäre gläserne Kuppeldach, das der Architekt Peter Kulka über dem kleinen Schlosshof aufspannte. Der Hof wurde zum Foyer, und das bis dahin ungelöste Problem der Erschließung und Verknüpfung der verschiedenen Museen im Haus war mit einem Schlag gelöst.

          Mit dem Wechsel der Protagonisten in Landesregierung, staatlicher Bauverwaltung und amtlicher Denkmalpflege hat sich die Neuausrichtung der denkmalpflegerischen Zielstellung endgültig durchgesetzt. Rekonstruiert wird nur nach Dokumentation und Verzicht auf jegliche Neuerfindung von Geschichte. So werden auch im „Langen Gang“ zwischen Georgenbau und Marstall, der bis 2020 wieder als Gewehrgalerie Augusts des Starken eingerichtet wird, die Deckenmalereien rekonstruiert, doch gibt es dafür eine ausreichende Dokumentation des Vorkriegszustands in Form von Farbfotografien, die 1942 als Sicherungsmaßnahmen angefertigt worden waren.

          Auf die Fotodokumentationen kann man sich auch bei den farbgenauen Rekonstruktionen der Paraderäume im zweiten Obergeschoss des Westflügels stützen. Hier wird bis September 2019 die Abfolge der kurfürstlich-königlichen Repräsentationsräume Augusts des Starken wieder erstehen, Eckparadesaal, Erstes und Zweites Vorzimmer, Erste und Zweite Retirade, Audienzgemach und Paradeschlafzimmer. Die beiden letzteren waren vor den Kriegszerstörungen noch in der Fassung von 1730 erhalten. In detektivischer Kleinarbeit aus Akten, Fotos, erhaltenen Resten der Wanddekorationen und archäologischen Befunden konnten Aussehen, Farbigkeit und Materialität einiger der Räume erforscht werden. Irgendwo in einer Ritze fand sich noch ein Knopf des Paradebetts. Daraus ergab sich auch die Farbe und Beschaffenheit der Wandbespannung. Qualitative Abstriche werden bei der Rekonstruktion nicht gemacht. Webereien in mehreren Ländern liefern die Stoffe. In Lyon wird gar auf einem Handwebstuhl aus dem achtzehnten Jahrhundert gewebt.

          Die Räume, bei denen es an gesicherten Befunden mangelt, etwa die Retiraden, werden als Ausstellungskabinette eingerichtet, in denen Gegenstände die Zeit Augusts des Starken illustrieren. Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes sowie der Rüstkammer und Spiritus Rector des Schlossausbaus und seiner musealen Einrichtung, hat eine Dramaturgie des Museumskomplexes entwickelt, die die Objekte zum Reden bringt, insbesondere wenn der authentische historische Ort mitschwingt.

          Die Möglichkeiten, die ihm im Residenzschloss zur Verfügung stehen im Zusammenspiel mit den einschlägigen Ausstellungsobjekten höchster künstlerischer und historischer Bedeutung sind weltweit einzigartig. Die Museologie entspricht diesem Niveau. Ebenso die Technik mit dem System der klimatisierten, speziell beleuchteten und entspiegelten „weltbesten“ Vitrinen. Der Wiederaufbau des Dresdner Residenzschlosses ist terminlich, finanziell und mittlerweile auch denkmalpflegerisch sowie kunst- und bauhistorisch legitimiert in einem guten Fahrwasser. Wenn die Arbeiten 2021 abgeschlossen sein werden, wird man 390 Millionen Euro verbaut haben – angesichts der 660 Millionen D-Mark, die 1997 avisiert wurden, kein schlechtes Resultat.

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