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Dresdner Residenzschloss : Schluss mit der Erfindung von Geschichte

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Die Geschichtsfälschung will man künftig nicht verhehlen. In der Ausstellung zum Schicksal des Residenzschlosses, die in der gotischen Gewölbehalle im Ostflügel kostenlos zugänglich sein wird, soll den Besuchern unmissverständlich vor Augen geführt werden, was beim Wiederaufbau geschehen ist. Dass zum Beispiel der große Schlosshof heute nicht authentisch ist, sondern ein „Bühnenbild“, das die zweite Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts illusionieren soll.

Inzwischen ist der Außenbau des Residenzschlosses vollendet, und die innere Ausgestaltung der letzten Rohbaubereiche, die Paraderäume, die Gewölbehalle im Ostflügel, im Nordflügel ein Restaurant und die Schlosskapelle als dringend benötigter Veranstaltungssaal sind in Arbeit. Glücklich sind die Museumsleute über das nach anfänglichen Irritationen inzwischen populäre gläserne Kuppeldach, das der Architekt Peter Kulka über dem kleinen Schlosshof aufspannte. Der Hof wurde zum Foyer, und das bis dahin ungelöste Problem der Erschließung und Verknüpfung der verschiedenen Museen im Haus war mit einem Schlag gelöst.

Mit dem Wechsel der Protagonisten in Landesregierung, staatlicher Bauverwaltung und amtlicher Denkmalpflege hat sich die Neuausrichtung der denkmalpflegerischen Zielstellung endgültig durchgesetzt. Rekonstruiert wird nur nach Dokumentation und Verzicht auf jegliche Neuerfindung von Geschichte. So werden auch im „Langen Gang“ zwischen Georgenbau und Marstall, der bis 2020 wieder als Gewehrgalerie Augusts des Starken eingerichtet wird, die Deckenmalereien rekonstruiert, doch gibt es dafür eine ausreichende Dokumentation des Vorkriegszustands in Form von Farbfotografien, die 1942 als Sicherungsmaßnahmen angefertigt worden waren.

Auf die Fotodokumentationen kann man sich auch bei den farbgenauen Rekonstruktionen der Paraderäume im zweiten Obergeschoss des Westflügels stützen. Hier wird bis September 2019 die Abfolge der kurfürstlich-königlichen Repräsentationsräume Augusts des Starken wieder erstehen, Eckparadesaal, Erstes und Zweites Vorzimmer, Erste und Zweite Retirade, Audienzgemach und Paradeschlafzimmer. Die beiden letzteren waren vor den Kriegszerstörungen noch in der Fassung von 1730 erhalten. In detektivischer Kleinarbeit aus Akten, Fotos, erhaltenen Resten der Wanddekorationen und archäologischen Befunden konnten Aussehen, Farbigkeit und Materialität einiger der Räume erforscht werden. Irgendwo in einer Ritze fand sich noch ein Knopf des Paradebetts. Daraus ergab sich auch die Farbe und Beschaffenheit der Wandbespannung. Qualitative Abstriche werden bei der Rekonstruktion nicht gemacht. Webereien in mehreren Ländern liefern die Stoffe. In Lyon wird gar auf einem Handwebstuhl aus dem achtzehnten Jahrhundert gewebt.

Die Räume, bei denen es an gesicherten Befunden mangelt, etwa die Retiraden, werden als Ausstellungskabinette eingerichtet, in denen Gegenstände die Zeit Augusts des Starken illustrieren. Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes sowie der Rüstkammer und Spiritus Rector des Schlossausbaus und seiner musealen Einrichtung, hat eine Dramaturgie des Museumskomplexes entwickelt, die die Objekte zum Reden bringt, insbesondere wenn der authentische historische Ort mitschwingt.

Die Möglichkeiten, die ihm im Residenzschloss zur Verfügung stehen im Zusammenspiel mit den einschlägigen Ausstellungsobjekten höchster künstlerischer und historischer Bedeutung sind weltweit einzigartig. Die Museologie entspricht diesem Niveau. Ebenso die Technik mit dem System der klimatisierten, speziell beleuchteten und entspiegelten „weltbesten“ Vitrinen. Der Wiederaufbau des Dresdner Residenzschlosses ist terminlich, finanziell und mittlerweile auch denkmalpflegerisch sowie kunst- und bauhistorisch legitimiert in einem guten Fahrwasser. Wenn die Arbeiten 2021 abgeschlossen sein werden, wird man 390 Millionen Euro verbaut haben – angesichts der 660 Millionen D-Mark, die 1997 avisiert wurden, kein schlechtes Resultat.

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