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Simulierte Schwerelosigkeit : Unser Mann im freien Fall

  • -Aktualisiert am

Völlig losgelöst: Autor Günter Paul lässt sich die korrekte Drehung zeigen (li.) Bild: DLR/Sven Schneider

Die Raumfahrer nennen es einen Parabelflug, jeder andere, der einmal daran teilgenommen hat, ein Erlebnis. Um die Illusion vollkommener Schwerelosigkeit zu erfahren, hat Günter Paul einen Airbus bestiegen - gemeinsam mit Wimperntierchen und anderen Enthusiasten.

          „Injection.“ Aus dem Bordlautsprecher kommt das magische Wort, mit dem die Phase der Schwerelosigkeit angekündigt wird. Der Airbus A300 hat seinen steilen Beschleunigungsflug zum Erreichen der für das folgende Manöver notwendigen Geschwindigkeit beendet. Die Passagiere sind dabei der zweifachen Erdschwere ausgesetzt gewesen - und haben also das Zweifache ihres normalen Gewichts gehabt. Die Motoren sind jetzt bis fast auf null gedrosselt worden, sie dürfen nur noch den Luftwiderstand ausgleichen.

          Die Zeit auf den Sitzen, an denen wir vorsorglich nur locker angeschnallt sind, um genügend Spielraum für Bewegungen zu haben, scheint stehen geblieben zu sein. Sonst müssten wir doch schon längst etwas spüren. Dann aber, plötzlich, werden wir aus den Sitzen gehoben. Bis auf einen winzigen Rest von der Schwerkraft befreit, schweben wir in der Luft. Und genießen mit vollen Zügen einen Zustand, den wir jetzt weder beenden können noch wollen.

          Nur noch genießen ...

          Die Frage, wie wir hinterher, nach ungefähr zwanzig Sekunden, wieder auf den Sitzen landen werden - ob sanft oder heftig -, interessiert uns in diesem Moment überhaupt nicht. Wir wollen nur noch genießen, müssen uns allerdings zwingen, Kopf und Augen ruhig zu halten. Sonst melden die Augen dem Gehirn: „Wir bewegen uns“, während das Gleichgewichtsorgan im Ohr, in der Schwerelosigkeit ausgetrickst, dem Gehirn signalisiert: „Alles ruhig, nichts bewegt sich.“ Diesen Widerspruch kann das Gehirn nicht verkraften, die Folgen wären unangenehm.

          ... noch ein kleiner Handgriff ...

          „Pullout.“ Die Ansage im Bordlautsprecher leitet das Ende der Schwerelosigkeit ein. Viel zu früh müssen wir uns wieder auf das doppelte Gewicht einstellen, das uns diesmal ereilt, weil das Flugzeug, das jetzt steil nach unten fliegt, abgebremst wird. Das Zurücksinken auf den Sitz erfolgt ausgesprochen sanft: als Bonbon vor der nächsten Tortur; denn wie beim Aufsteigen scheint sich nun wieder eine Klammer um den Brustkorb zu pressen, und die Wangen scheinen eingefallen zu sein.

          Parfüm überfordert die Sinne

          Nach weiteren gut zwanzig Sekunden fliegt der Airbus wieder normal, für einige wenige Minuten. Es bleibt ein bisschen Zeit, kurz zurückzudenken: an das Medikament gegen die Reisekrankheit, das uns auf dem Kölner Flughafen gereicht worden war, und an den rund eine Dreiviertelstunde dauernden Anflug in das Zielgebiet nördlich von Wilhelmshaven, wo der Airbus in Ruhe seine Parabeln fliegen kann. Schaltet man beim Aufstieg den Motor des Flugzeugs aus, folgt es dieser mathematischen Kurve. Da jetzt - im Idealfall des reinen freien „Falls“ - keine Kräfte auf den Körper wirken, wird dieser schwerelos. Und die Sinne reagieren offenbar besonders empfindlich. Die Damen wurden deshalb vorher dazu angehalten, kein Parfüm zu verwenden, weil die Mitreisenden sonst über die Maßen irritiert würden.

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