https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/silicon-demokratie/virtuelle-assistenten-google-now-und-internet-org-13611012.html

Arm und Reich im Internet : Bezahlen Sie einfach mit Ihrem Leben

  • -Aktualisiert am

Kann sich auch nicht jeder leisten: Tastatur mit Geld-Taste. Bild: Picture-Alliance

Die Reichen bezahlen mit Geld, die Armen mit ihren Daten: Angeblich hebt das Netz die Unterschiede zwischen Reich und Arm auf – tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

          4 Min.

          Der Überfluss ist längst Wirklichkeit, er ist nur nicht sonderlich gleichmäßig verteilt: So lautet die provozierende These, die der Chefökonom von Google, Hal Varian, aufgestellt hat. Nach dem inzwischen sogenannten „Varian-Gesetz“ braucht man sich, wenn man die Zukunft vorhersagen möchte, nur anzusehen, was reiche Leute heute bereits haben, und kann dann damit rechnen, dass die Angehörigen der Mittelschicht dies in fünf Jahren auch haben werden und die Armen in zehn Jahren. Radio- und Fernsehgeräte, Spülmaschinen, Mobiltelefone, Flachbildschirme – Varian sieht dieses Prinzip in der Geschichte zahlreicher Technologien am Werk.

          Was haben die Reichen heute, das die Armen in zehn Jahren haben werden? Varian wettet darauf, dass es persönliche Assistenten sein werden. Statt Hauspersonal oder einen Chauffeur werden wir seines Erachtens über selbstfahrende Autos, Putzroboter und allwissende Apps verfügen, die uns in Echtzeit überwachen, informieren und in unserem Verhalten beeinflussen können. „Diese digitalen Assistenten“, glaubt Varian, „werden so nützlich sein, dass jeder sie haben will, und die heute beliebten hysterischen Warnungen vor dem Missbrauch unserer Daten werden nur noch absonderlich und altmodisch erscheinen.“ Google Now, einer dieser Assistenten, kann unsere E-Mails, unsere Suchanfragen und unseren Standort verfolgen, uns ständig an kommende Termine oder Fahrten erinnern und dabei geduldig in Echtzeit die Wetterbedingungen und Verkehrsverhältnisse prüfen.

          Zu Kilobytes kristallisiert

          Varians Gleichsetzung von Spülmaschinen mit Apps mag vernünftig erscheinen, führt aber in die Irre. Wenn Sie jemanden als persönlichen Assistenten anheuern, ist das eine relativ klare Sache: Sie bezahlen ihn für seine Dienste, vielfach in bar, und damit ist es erledigt. Es ist verlockend, dieselbe Logik bei virtuellen Assistenten am Werk zu sehen: Man übergibt seine Daten – wie man sonst sein Geld übergibt –, damit Google diese ansonsten kostenlosen Dienste erbringt. Aber irgendetwas stimmt da nicht. Denn kaum jemand dürfte erwarten, dass ein persönlicher Assistent sich mit einer Kopie all seiner Briefe und Akten davonmacht, um sie zu Geld zu machen. Für einen virtuellen Assistenten ist aber genau dies die einzige Existenzberechtigung. Man haut uns übers Ohr: erstens, wenn wir für relativ triviale Dienstleistungen unsere Daten preisgeben, die am Ende in der Bilanz von Google zu Buche schlagen. Und zweitens, wenn diese Daten später benutzt werden, um unsere Welt in einer Weise zu kommerzialisieren und zu strukturieren, die weder transparent noch wünschenswert ist.

          Schöne neue Datenwelt: Auch Google hat eine ganz eigene Zukunftsvision – nicht nur für den Google Campus im Silicon Valley.
          Schöne neue Datenwelt: Auch Google hat eine ganz eigene Zukunftsvision – nicht nur für den Google Campus im Silicon Valley. : Bild: dpa

          Diesen zweiten, das Leben verändernden Aspekt der Daten als Tauschwährung haben wir bislang noch nicht ausreichend verstanden. Gerade die Fähigkeit der Daten, die Welt zu verändern, nachdem wir sie herausgegeben haben, verwandelt sie in ein Herrschaftsinstrument. Während Bargeld aufgrund seiner Anonymität keine Geschichte und kaum Verbindungen zum sozialen Leben besitzt, sind Daten dessen Abbild – wenn auch zu Kilobytes kristallisiert. Google Now kann nur funktionieren, wenn es dem Unternehmen gelingt, beträchtliche Teile unserer Existenz – von der Kommunikation übers Reisen bis hin zum Lesen – in seine Verfügungsgewalt zu bringen. Dort erlangen diese Aktivitäten dann plötzlich eine neue ökonomische Dimension: Sie lassen sich zu Geld machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Reservisten mit Ausbilder auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg in Bayern

          Bundeswehr-Reservisten : Zwischen Schreibtisch und Schützengraben

          Auch Unternehmer und Manager stehen als Reservesoldaten für den Ernstfall bereit. Was treibt sie an – und wie lässt sich das Militärische mit dem Job vereinbaren? Die F.A.Z. hat sich bei Reservisten aus der Wirtschaft umgehört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.