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Telearbeit : Ruinieren Sie nicht Ihre Work-Life-Balance!

  • -Aktualisiert am

Mobilität mit Tücken: der Telearbeitsplatz Bild: plainpicture/Ableimages

Von den Freiheits-Utopien, die sich einst mit dem Computer-Arbeitsplatz im eigenen Haus verbanden, ist wenig geblieben. Im Büro arbeitet es sich offenbar besser und effizienter.

          4 Min.

          Die frühen Plädoyers für Telearbeit - denken wir nur an Alvin Toffler und seinen Bestseller „The Third Wave“ von 1980 - klangen immer ziemlich romantisch. Für Zukunftsforscher wie Toffler war das häusliche Büro ein „elektronisches Heim“, das die „Familie wieder zusammenschweißt“, für „mehr soziale Stabilität“ sorgen und zu einer „Renaissance von bürgerschaftlichem Engagement“ führen werde. Niemand würde mehr isoliert vor sich hin leben. In Tofflers Zukunftsvision würden wir alle gemeinsam telearbeiten! Toffler popularisierte dabei nur Ideen, die schon Jahrzehnte zuvor entwickelt worden waren. Norbert Wiener etwa, der Vater der Kybernetik, hatte schon in seinem bahnbrechenden Werk „Mensch und Menschmaschine“ beschrieben, wie ein Architekt in Europa mit Hilfe einer faxähnlichen Maschine den Bau eines Hauses in Amerika beaufsichtigen könne.

          Technikjournalisten stürzten sich begierig auf derlei Geschichten von Emanzipation durch Technik. 1983 jubelte die „San Jose Mercury News“: „Der Computer ernährt berufstätige Mütter.“ Die Vorstellung, das elektronische Heim werde uns eines Tages erlauben, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“, wie Karl Marx seinerzeit geschrieben hatte, erschien durchaus vernünftig. Aus der Sicht Tofflers und seiner Anhänger würden die Menschen dank Computer in weniger Zeit mehr leisten und sich zugleich von der Monotonie des typischen Bürojobs befreien.

          Persönliche Anwesenheit erwünscht

          Tofflers Traum - ganz zu schweigen von der Marxschen Vision - ist weit entfernt von unserer Wirklichkeit. In begrenztem Umfang hat Telearbeit natürlich ihren Platz gefunden. Eine Umfrage von Ipsos/Reuters ergab unlängst, dass weltweit jeder fünfte Berufstätige häufig zu Hause arbeitet, vor allem im Nahen Osten, in Lateinamerika und Asien, wo Telearbeit verbreitet ist. Es wurde zwar nicht danach gefragt, aber man wird annehmen dürfen, dass nur wenige dieser Berufstätigen sich befreit fühlen. Das liegt auch daran, dass relativ wenige Firmen Vollzeit-Telearbeit ermöglichen. Sicher, in vielen Fällen dürfen Angestellte jeden zweiten Freitag zu Hause arbeiten, aber auf persönliche Anwesenheit im Büro wird nach wie vor großer Wert gelegt.

          So schön Telearbeit auch klingen mag, Studien belegen, dass sich die daran geknüpften Erwartungen nicht durchweg erfüllen. Der jüngste prominente Reinfall ist ein einjähriges Experiment des Office of Personnel Management (OPM), der staatlichen Personalbehörde in Washington. Deren Mitarbeiter konnten frei entscheiden, wo und wann sie arbeiteten, solange die zugewiesenen Aufgaben erledigt wurden. Bei der Evaluation dieses Pilotprojekts zeigte sich aber, dass die Performance der Angestellten nicht beurteilt werden konnte, das Arbeitsniveau sank und die Mitarbeiter nicht einschätzen konnten, ob sie genug Zeit und Energie aufwendeten.

          Verfeinerte Überwachung

          Natürlich endet nicht jedes Telearbeitsprojekt wie beim OPM. Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna wird oft als Erfolgsgeschichte hochgehalten. 47 Prozent der Mitarbeiter arbeiten täglich zu Hause am Computer. Die Schattenseite: Die Telearbeiter von Aetna neigen zu Übergewicht, weshalb das Unternehmen inzwischen ein Online-Fitnessprogramm anbietet, damit die Leute in Form bleiben. Möglicherweise ist Telearbeit, entgegen ersten Erwartungen, auch nicht unbedingt umweltfreundlich. Einem Beitrag in den „Annals of Regional Science“ von 2011 ist zu entnehmen, dass Telearbeiter durchschnittlich mehr unterwegs sind, dienstlich wie privat, als ihre Kollegen im Büro. Mit anderen Worten, dass sie nicht in die Firma fahren, bedeutet nicht, dass sie insgesamt weniger fahren. Pengyu Zhu, der Verfasser des Artikels, schreibt: „Die Hoffnungen von Planern und Entscheidern, die sich von Telearbeit eine Reduzierung der üblichen Verkehrsströme versprachen, haben sich nur bedingt erfüllt.“

          Viel zu selten wird auch danach gefragt, wie Telearbeit (etwa bei Aetna) konkret aussieht. Wie aus einer jüngsten Untersuchung des „Wall Street Journal“ hervorgeht, greifen immer mehr Firmen, die Vollzeit-Telearbeit eingeführt haben, auf neue, verfeinerte Überwachungsinstrumente zurück, um sicherzugehen, dass ihre Mitarbeiter nicht trödeln. Der Arbeitgeber kann Screenshots ihrer Computeraktivitäten erstellen oder den Browserverlauf kontrollieren (und zugleich prüfen, wie lange sich der Telearbeiter auf einer Seite aufhält). Wenn Telearbeiter ihren privaten PC benutzen, gefährden sie ihre Privatsphäre (und die ihrer Angehörigen). Prüfen die Chefs auch (und sei es nur stichprobenartig), welche Seiten ihre Angestellten außerhalb der Arbeit besuchen?

          Die Arbeit nimmt nicht ab

          Aus dem einst so gepriesenen elektronischen Heim ist ein elektronischer Ausbeutungsbetrieb geworden. Das liegt nicht nur an der Überwachung, sondern hat auch damit zu tun, dass Angestellte, die nur gelegentlich telearbeiten, oft deutlich mehr als vor ihrer „Befreiung vom Büro“ arbeiten. Diesen Schluss legt jedenfalls eine Studie nahe, die kürzlich in der „Monthly Labor Review“, einer Publikation des Bureau of Labor Statistics, veröffentlicht wurde.

          Diese Studie hat, gestützt auf zwei umfassende Datenbanken, die Entwicklung der Telearbeit in Amerika in den vergangenen Jahrzehnten untersucht. Sie liefert einige überraschende Einblicke. Beispielsweise sind Telearbeiter offenbar eher unverheiratet (so viel zu Tofflers „zusammengeschweißten Familien“). Aber die interessanteste Erkenntnis dürfte sein, dass Telearbeit nicht etwa zu einer ausgeglicheneren Work-Life-Balance führt, sondern dazu, dass die Leute mehr arbeiten. Zu Hause. Wie die Autoren schreiben, könnte man aus ihrer Studie durchaus den Schluss ziehen, dass Telearbeit „wesentlich zu der allgemeinen Erhöhung der Arbeitszeit beigetragen hat, denn die Beschäftigten können leichter zusätzliche Arbeitszeit aufwenden, und Arbeitgeber können die Anforderungen an die Beschäftigten leichter erhöhen oder intensivieren“.

          Invasion des Privaten

          Telearbeiter - von denen die meisten immer noch ins Büro gehen, wenn auch weniger häufig als ihre nichttelearbeitenden Kollegen - sind also in einer Zwickmühle. Sie sind bereit zur Telearbeit, um produktiver zu sein und mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können, aber angesichts der Möglichkeiten produktivitätssteigernder Technologien gehen die Chefs davon aus, dass Telearbeiter auch abends und am Wochenende arbeiten. Eine 2008 veröffentlichte Untersuchung des Pew Research Center („Networked Workers“) liefert deutliche Anhaltspunkte für diese These. Seit 2002, heißt es dort, „lesen berufstätige Amerikaner sehr viel öfter auch am Wochenende, in den Ferien und vor und nach der Arbeit dienstliche E-Mails.“

          Könnte es sein, dass die Hilfsmittel, die angeblich dazu dienen sollten, uns Arbeit abzunehmen, die Sache nur schlimmer gemacht haben? Technikhistoriker wären jedenfalls nicht sonderlich erstaunt über diese ironische Wendung. Ruth Schwartz Cowan, Historikerin an der University of Pennsylvania, hat in ihrem Klassiker „More Work for Mother“ dargelegt, dass das Aufkommen vermeintlich arbeitssparender Haushaltsgeräte zu einer immer höheren Arbeitsbelastung von Frauen geführt hat. Von Genderfragen abgesehen, war Schwartz’ These verblüffend einfach: Die vermeintlichen Vorzüge dieser Geräte können nicht isoliert von dem sozioökonomischen und kulturellen Kontext betrachtet werden, in dem sie eingesetzt werden.

          Vielleicht sollten wir also unseren Enthusiasmus für die revolutionären Möglichkeiten produktivitätssteigernder Technologien ein wenig zügeln. So verlockend die Vorstellung auch sein mag, dass wir uns in Googles führerlosem Auto während der Fahrt Filme ansehen, die gewonnene Zeit werden wir wahrscheinlich mit dem Studium irgendwelcher langweiligen Tabellen zubringen. Ist das nun Fortschritt?

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