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Telearbeit : Ruinieren Sie nicht Ihre Work-Life-Balance!

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Viel zu selten wird auch danach gefragt, wie Telearbeit (etwa bei Aetna) konkret aussieht. Wie aus einer jüngsten Untersuchung des „Wall Street Journal“ hervorgeht, greifen immer mehr Firmen, die Vollzeit-Telearbeit eingeführt haben, auf neue, verfeinerte Überwachungsinstrumente zurück, um sicherzugehen, dass ihre Mitarbeiter nicht trödeln. Der Arbeitgeber kann Screenshots ihrer Computeraktivitäten erstellen oder den Browserverlauf kontrollieren (und zugleich prüfen, wie lange sich der Telearbeiter auf einer Seite aufhält). Wenn Telearbeiter ihren privaten PC benutzen, gefährden sie ihre Privatsphäre (und die ihrer Angehörigen). Prüfen die Chefs auch (und sei es nur stichprobenartig), welche Seiten ihre Angestellten außerhalb der Arbeit besuchen?

Die Arbeit nimmt nicht ab

Aus dem einst so gepriesenen elektronischen Heim ist ein elektronischer Ausbeutungsbetrieb geworden. Das liegt nicht nur an der Überwachung, sondern hat auch damit zu tun, dass Angestellte, die nur gelegentlich telearbeiten, oft deutlich mehr als vor ihrer „Befreiung vom Büro“ arbeiten. Diesen Schluss legt jedenfalls eine Studie nahe, die kürzlich in der „Monthly Labor Review“, einer Publikation des Bureau of Labor Statistics, veröffentlicht wurde.

Diese Studie hat, gestützt auf zwei umfassende Datenbanken, die Entwicklung der Telearbeit in Amerika in den vergangenen Jahrzehnten untersucht. Sie liefert einige überraschende Einblicke. Beispielsweise sind Telearbeiter offenbar eher unverheiratet (so viel zu Tofflers „zusammengeschweißten Familien“). Aber die interessanteste Erkenntnis dürfte sein, dass Telearbeit nicht etwa zu einer ausgeglicheneren Work-Life-Balance führt, sondern dazu, dass die Leute mehr arbeiten. Zu Hause. Wie die Autoren schreiben, könnte man aus ihrer Studie durchaus den Schluss ziehen, dass Telearbeit „wesentlich zu der allgemeinen Erhöhung der Arbeitszeit beigetragen hat, denn die Beschäftigten können leichter zusätzliche Arbeitszeit aufwenden, und Arbeitgeber können die Anforderungen an die Beschäftigten leichter erhöhen oder intensivieren“.

Invasion des Privaten

Telearbeiter - von denen die meisten immer noch ins Büro gehen, wenn auch weniger häufig als ihre nichttelearbeitenden Kollegen - sind also in einer Zwickmühle. Sie sind bereit zur Telearbeit, um produktiver zu sein und mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können, aber angesichts der Möglichkeiten produktivitätssteigernder Technologien gehen die Chefs davon aus, dass Telearbeiter auch abends und am Wochenende arbeiten. Eine 2008 veröffentlichte Untersuchung des Pew Research Center („Networked Workers“) liefert deutliche Anhaltspunkte für diese These. Seit 2002, heißt es dort, „lesen berufstätige Amerikaner sehr viel öfter auch am Wochenende, in den Ferien und vor und nach der Arbeit dienstliche E-Mails.“

Könnte es sein, dass die Hilfsmittel, die angeblich dazu dienen sollten, uns Arbeit abzunehmen, die Sache nur schlimmer gemacht haben? Technikhistoriker wären jedenfalls nicht sonderlich erstaunt über diese ironische Wendung. Ruth Schwartz Cowan, Historikerin an der University of Pennsylvania, hat in ihrem Klassiker „More Work for Mother“ dargelegt, dass das Aufkommen vermeintlich arbeitssparender Haushaltsgeräte zu einer immer höheren Arbeitsbelastung von Frauen geführt hat. Von Genderfragen abgesehen, war Schwartz’ These verblüffend einfach: Die vermeintlichen Vorzüge dieser Geräte können nicht isoliert von dem sozioökonomischen und kulturellen Kontext betrachtet werden, in dem sie eingesetzt werden.

Vielleicht sollten wir also unseren Enthusiasmus für die revolutionären Möglichkeiten produktivitätssteigernder Technologien ein wenig zügeln. So verlockend die Vorstellung auch sein mag, dass wir uns in Googles führerlosem Auto während der Fahrt Filme ansehen, die gewonnene Zeit werden wir wahrscheinlich mit dem Studium irgendwelcher langweiligen Tabellen zubringen. Ist das nun Fortschritt?

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