https://www.faz.net/-gqz-84jbq

Internet-Plattformen : Innovation siegt stets über Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Leben in der Plattform-Welt: Auch Youtube gehört dazu Bild: dpa

Immer mehr Anbieter im Internet bezeichnen sich als Plattform. Für ihre Dienstleistungen nutzen sie Netzwerkeffekte, ihr Ziel ist das Monopol.

          Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Hightech-Unternehmen erklärte, es wolle sich als Plattform neu erfinden. Im vergangenen März, als Uber in Südkorea verboten wurde, versprach das Unternehmen den dortigen Taxifahrern, sie dürften seine Plattform nutzen – einschließlich der Vermittlungsdienste.

          Facebook griff Anfang Mai zu einem ähnlichen Trick. Als das Unternehmen mit seinem pseudohumanitären Versuch, durch ein Projekt namens Internet.org einen kostenlosen Zugang zum Internet zu schaffen, in Schwierigkeiten geriet, versprach man, den Dienst in eine Plattform umzuwandeln. Nun sollten Nutzer von Internet.org, die meisten von ihnen in Entwicklungsländern, auch freien Zugang zu Apps haben, die nicht von Facebook entwickelt worden sind.

          Das breit gestreute Wissen der Marktteilnehmer

          Einige prominente Kritiker sprechen von „Plattformkapitalismus“: einer weitreichenden Veränderung in der Art und Weise, wie Güter und Dienstleistungen produziert, geteilt und bereitgestellt werden. Statt des überlebten herkömmlichen Modells, bei dem einzelne Firmen um Kunden konkurrieren, erlebten wir die Entstehung eines neuen, scheinbar flacheren und stärker auf Partizipation ausgerichteten Modells, in dem Kunden direkt miteinander in Kontakt treten. Mit einem Smartphone in der Tasche könnten Menschen nun Dinge tun, die zuvor eine ganze Reihe von Institutionen erforderten.

          Veränderungen dieser Art zeigen sich heute in zahlreichen Wirtschaftsbereichen. Früher beförderten Taxiunternehmen Fahrgäste; Uber stellt lediglich die Verbindung zwischen Fahrern und Fahrgästen her. Früher boten Hotels Beherbergungsdienste an; Airbnb stellt lediglich eine Verbindung zwischen Gastgebern und Gästen her. Und die Liste ließe sich fortsetzen: Amazon stellt die Verbindung zwischen Verkäufern und Käufern antiquarischer Bücher her.

          Die Unterschiede zum alten, vor den Plattformen üblichen Modell sind leicht zu erkennen. Erstens werden diese Unternehmen außergewöhnlich hoch bewertet, verfügen aber nur über verdächtig kleine Bilanzsummen. Uber braucht keine Fahrer zu beschäftigen, und Airbnb muss keine eigenen Häuser besitzen. Zweitens verlassen sich die Betreiber der Plattformen auf das breit gestreute Wissen der Marktteilnehmer und hoffen, der Markt werde Fehlverhalten schon bestrafen, statt dass sie sich an ein präzises und strenges Regelwerk halten, das Rechte der Kunden und Pflichten der Dienstleister festlegt.

          Der Feedbackmechanismus funktioniert nicht

          In der Utopie der freien Marktwirtschaft von Denkern wie Friedrich Hayek – dem eigentlichen Schutzpatron der Share-Economy – spiegelt sich in Ihrem Ruf auch das, was andere Marktteilnehmer über Sie wissen. Falls Sie ein übler Kunde oder ein Fahrer mit schlechten Manieren sind, würden alle anderen dies rasch bemerken, so dass spezielle Gesetze zur Kontrolle Ihres Verhaltens unnötig wären. Laut Hayek lautet die gute Nachricht: Wenn unsere Normen sich verändern – was vor fünfzig Jahren als übel galt, wird heute möglicherweise als akzeptabel angesehen –, werden diese Veränderungen sich unverzüglich rufschädigend niederschlagen. Dagegen dauert es lange, bis Gesetze geändert werden.

          Uber bezeichnet sich als Plattform, nicht als Taxiunternehmen.

          In der Realität aber lässt sich solch ein vollkommen flüssiger und dynamischer, allein auf den Ruf bezogener Markt nirgendwo beobachten. Es hat sich gezeigt, dass Uber-Fahrer oft Behinderte als Fahrgäste ablehnen, indem sie sich weigern, deren Rollstühle in den Kofferraum zu laden. Man möchte meinen, die für das Taxigewerbe geltenden Antidiskriminierungsgesetze müssten auch für Uber gelten, aber das Unternehmen behauptet, es sei ja kein Taxiunternehmen, sondern eine Technologiefirma, eine Plattform. Hier gibt es eindeutig keinen Feedbackmechanismus, der den Behinderten helfen könnte. Diese Aufgabe erfüllen Verbraucherschutzgesetze.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Außenminister Mike Pompeo

          Saudi-Arabien : Trump umgeht Kongress bei Waffenverkäufen

          Die amerikanische Regierung will Waffen ohne Zustimmung des Kongresses an Saudi-Arabien liefern. Außenminister Mike Pompeo sieht darin eine Abschreckung „iranischer Aggressionen“. Die Demokraten befürchten einen Einsatz der Bomben im Jemen-Krieg.
          Die irische Flagge vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel

          EU-Wahl : Pro-europäische Regierungspartei in Irland vorn

          Irlands Regierungschef warnt nach dem Rücktritt von Theresa May vor einer „sehr gefährlichen“ Phase. Bei der Europawahl hat er offenbar Rückenwind bekommen. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber verspricht, Europa vor Nationalisten zu verteidigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.