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Neue Kolumne „Silicon Demokratie“ : Rettet die Anonymität

  • -Aktualisiert am
          6 Min.

          Google, Facebook und Twitter haben die arabischen Rebellionen in Gang gesetzt? Evgeny Morozov kann es nicht mehr hören - und schreibt auch deswegen eine Kolumne, die von nun an monatlich im Feuilleton der F.A.Z. erscheint. „Silicon Demokratie“ - der Titel zeigt an, was sein könnte: eine Demokratie, die all die digitalen Errungenschaften des Silicon Valley mündig nutzt, aber vor ihnen auch auf der Hut ist. Der 1984 in Weißrussland geborene, an der Universität Stanford, Kalifornien, lehrende Publizist ist der Meinung, dass wir über das Verhältnis von Technologie und Demokratie, Privatsphäre und Überwachung skeptischer nachdenken müssen. In seinem Buch „The Net Delusion“ (Der Netztrug) plädiert er für einen Cyber-Realismus: Digitale Werkzeuge sind schlicht Werkzeuge und gesellschaftliche Umbrüche nur durch eine Vielzahl von Bemühungen politischer Institutionen und Reformbewegungen möglich.Auch Revolutionen bedürfen eines geistigen Nährbodens, den das Internet aus sich selbst heraus nicht erschafft. Morozov fordert den Bürger, nicht den Konsumenten und setzt sich insbesondere mit der Idee von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg des „frictionless sharing“, der vermeintlich reibungslosen Teilhabe an allen Kommunikationsprozessen, kritisch auseinander. Morozovs erste Kolumne ist auch im Lichte der Vereinbarung zu lesen, welche die amerikanische Verbraucherschutzbehörde Facebook gerade abgezwungen hat: Der Konzern muss sich von unabhängigen Prüfern durchleuchten lassen und seine Nutzer fragen, ob er deren Daten zu kommerziellen Zwecken nutzen darf. Kritiker fürchten, dass sich auch dadurch nichts ändert und Facebook Daten sammelt und auswertet, wie es will.

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          Was würde George Orwell von Facebook halten? Nichts vermutlich, sein Konto wäre wohl deaktiviert. Er könnte froh sein, wenn man ihn auffordern würde, eine Kopie der ersten Seite seines Passes einzureichen und sich als Eric Blair anzumelden. Facebook ist in dieser Hinsicht egalitärer als die frühe Sowjetunion. Man mag reich oder berühmt oder ein verfolgter Dissident sein – wer sich nicht mit seinem tatsächlichen Namen registriert, bekommt rasch Ärger und wird mit kafkaesker Beharrlichkeit gepeinigt.

          Im vergangenen Jahr suspendierte man das Konto des inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski und forderte ihn auf, eine Kopie seines Ausweises zu mailen – aus dem sibirischen Gefängnis! Was hatte er getan? Nichts. Und kürzlich wurde Salman Rushdie mitgeteilt, dass er nur als Ahmed Rushdie auf Facebook bleiben könne, andernfalls müsse er sein Leben sonst wo in virtueller Bedeutungslosigkeit zubringen. Schließlich lenkte man ein – aber erst, nachdem Rushdie sich Mark Zuckerberg vorgeknöpft hatte. Doch nicht jeder hat diese Option.

          Dass autoritäre Regime von dieser Politik profitieren, scheint das Unternehmen nicht zu stören. Die chinesische Variante der Facebook-Revolution weist alle Anzeichen einer Antirevolution auf. Facebook wurde vorgeworfen, das Konto des prominenten Internetaktivisten deaktiviert zu haben, der unter dem Pseudonym Michael Anti in Erscheinung tritt. Als in Ägypten die Seite suspendiert wurde, die der Google-Manager Wael Ghonim (auch das ein Pseudonym) eingerichtet hatte, stand Facebook kurz davor, den Revolutionären die Flügel zu stutzen.

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