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Neue Kolumne „Silicon Demokratie“ : Rettet die Anonymität

  • -Aktualisiert am

Je mehr der uralte Konflikt zwischen Bürgern und Verbrauchern online ausgetragen wird, desto deutlicher zeichnen sich die Konturen eines konsumoptimierten Internets ab. Dieses Internet ist absolut transparent, außerordentlich effizient (alles ist durchorganisiert und binnen Sekunden auffindbar), es ist (alles ist untereinander verknüpft und abgesichert, mit den Pseudonymen verschwindet die Cyberkriminalität). Außerdem ist es muffig, langweilig und unerträglich. Dieses Internet ist ein Paradies für Verbraucher und eine Hölle für Bürger. Warum sollte man Eric Blair denn auf „1984“ aufmerksam machen, wenn George Orwell nicht einmal online sein kann, um für sein Buch zu werben? (Und werben muss er: Nur wenige moderne Autoren können es sich leisten, Facebook zu ignorieren; für viele ist es der einzige Ort auf ihrer billigen, traurigen und wütenden virtuellen Lesereise.)

Berechnete Zufälle

Es wird Zeit, dass wir die Vision eines Bürger-Internets entwickeln, das mit dem dominierenden Modell der Konzerne konkurrieren kann. Wollen wir die dissidentenfreundliche Anonymität aufrechterhalten, oder wollen wir darauf verzichten, damit die Unternehmen keine Angst mehr vor Cyberattacken haben müssen? Wollen wir, in der Hoffnung auf bessere Konsumerlebnisse, eine neue Überwachungsinfrastruktur errichten, die von datenhungrigen Regierungen missbraucht wird? Wollen wir möglichst viele Zufallsentdeckungen machen, auf neue und kontroverse Ideen stoßen, uns kritisch äußern können über das, was wir im Netz sehen und lesen?

Oder wollen wir Computer bauen, die automatisierte Suchanfragen für uns durchführen und letztlich nur Kaufvorschläge unterbreiten, auf nahegelegene Restaurants hinweisen und immer nur eine Antwort geben statt viele? Wollen wir, dass sich das Internet an alles erinnert, was online passiert, oder soll es Lärm und Verfall in unserem digitalen Archiv geben, das mit uns altert? All jene, die das Netz als einen gigantischen Warenkatalog betrachten, wollen keinen Verfall; diejenigen aber, die es als partielles Tagebuch einer unvollkommenen Zivilisation betrachten, wären vermutlich einverstanden.

Facebook raubt uns die Phantasie

Merkwürdigerweise formieren sich die politischen Kräfte, die für die Verwirklichung einer solchen Vision notwendig sind, noch ehe die entsprechende Ideologie entwickelt ist. Die Wahlerfolge der europäischen Piratenparteien sind ein ermutigendes Signal. Aber diese Bewegungen sind oft allzu radikal und zugleich nicht radikal genug. Nicht nur Geeks und technikaffine junge Leute denken darüber nach, wie ein alternatives Internet der Bürger aussehen könnte. Wenn solche Visionen etwas bewirken sollen, müssen sie aus breiteren Schichten der Bevölkerung kommen und diese einbeziehen. Und die Debatten können sich nicht nur auf die dornigen Fragen einer Urheberrechtsreform und die Legalisierung von Filesharing beschränken (Schwerpunkte dieser Bewegungen), denn sehr viele andere digitale Probleme sind noch ungelöst.

Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich des politischen Lebens, auf den sich das Netz nicht auswirken würde. Eine kritische Position zu all diesen Fragen zu formulieren, bevor Technologiegiganten wie Facebook mit ihrem Gerede vom „reibungslosen Sharing“ die allgemeine Phantasie kapern, sollte für jeden Priorität haben, dem die Zukunft der Demokratie am Herzen liegt. Ein Paradies für Bürger und eine Hölle für Verbraucher: So stellen wir uns das Internet vor. Occupy the Net – wer macht mit?

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