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Neue Kolumne „Silicon Demokratie“ : Rettet die Anonymität

  • -Aktualisiert am

Anreize zum Verzicht auf das Private

Jeder Konzern vertritt hin und wieder eine dumme Position; Facebook ist da keine Ausnahme. Aber die Klarnamenpolitik des Unternehmens ist mehr als nur dumm – sie ist wesentlicher Bestandteil der hässlichen Zukunftsvision von einem Internet, in dem Privatheit und nicht mühsam verdientes Geld die eigentliche Währung ist. Und Facebooks Finanzpolitik gründet auf einer simplen Idee: Entweder ihr verzichtet auf eure Privatsphäre und begebt euch in die Welt grenzenloser Unterhaltung, oder ihr tretet für eure Privatsphäre ein und riskiert, in Unterhaltungsarmut zu leben – die Entscheidung liegt bei euch.

Aus diesem Grund bedeutet auch die Mitteilung, dass Facebook – unter dem Druck der Federal Trade Commission – seinen Nutzern mehr Kontrolle über ihre Daten erlaube, auf lange Sicht nicht viel. Facebook wird seine Haltung zu Pseudonymen nicht ändern. Und anstatt die Nutzer zu zwingen, ihre Privatheit aufzugeben, wird der Konzern dafür kommerzielle Anreize geben wie Zugang zu Musik oder Filmen.

Das alles heißt nicht, dass Privatsphäre eine schlechte Währung ist. Im Gegenteil, mit ihr kann man Dinge erwerben, die für Geld nicht zu haben sind. Kann irgendetwas mit den scheinbar unerschöpflichen Musikbibliotheken konkurrieren, die bei Streaming-Portalen wie Spotify erhältlich sind? Nein. Aber versuchen Sie einmal, sich ohne Facebook-Konto anzumelden. Spotify verlangt, dass Neukunden über ein Facebook-Konto verfügen, was eben nur möglich ist, wenn Sie bereit sind, sich mit Ihrem realen Namen bei Facebook anzumelden. So wird anonymes Musikhören stigmatisiert. Irgendwann dürfte das auch kompliziert und teuer werden. Anonymes Lesen scheint noch nicht stigmatisiert zu sein, doch das wird sich ändern, sobald wir dazu übergehen, Bücher bei Amazon oder Barnes&Noble auszuleihen und nicht mehr in öffentlichen Bibliotheken. Diesen würde es nicht im Traum einfallen, unsere Daten weiterzuverkaufen, die anderen würden sich die Chance nicht entgehen lassen. Sie würden uns sogar Einkaufsgutscheine geben, wenn wir erzählen, was wir gerade lesen.

Transparente Langeweile

All das ist Teil des großen Projekts von Silicon Valley, die Konsumwelt total zu vernetzen und transparent zu machen. Und es funktioniert. Allzu oft kaufen wir Dinge, die uns von Online-Freunden empfohlen wurden, und sofort erzählen wir es weiter, erzeugen Feedback-Schleifen, die Begriffe wie „demonstrativer Konsum“ inadäquat erscheinen lassen. In dieser neuen, datengestützten Ökonomie erweisen sich Dienste wie Facebook als einflussreiche Agenten, die unsere intimsten Gedanken, Ängste und Wünsche (von der Wiege bis zur Bahre) aufspüren und mittels personalisierter Werbung zu Geld machen. Soziale Netzwerke sind daher so dringend auf pseudonyme Nutzer angewiesen wie Banken auf toxische Papiere; sie sind kostspielig und verschrecken wertvolle Geschäftspartner. Solche Leute sind entbehrlich.

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