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Kolumne „Silicon Demokratie“ : Warum Cyberwaffen die Welt sicherer machen

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Die Annahme, rationale Akteure würden vorzugsweise die cybertechnische Verwundbarkeit eines Gegners ausnutzen und kostspielige Cyberkriege führen, wenn sich andere, günstigere Konfliktlösungen finden lassen, hält Liff für eine Simplifizierung. Tatsächlich könnte die Verfügbarkeit von Cyberwaffen schwächeren Staaten zu einer besseren Verhandlungsposition verhelfen, vielleicht sogar den Konflikt vermeiden. Vergessen wir nicht, dass es im Krieg primär darum geht, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Und das erreicht man nicht, wenn man sich gegenüber dem Geschädigten nicht als Urheber eines Angriffs zu erkennen gibt. Cyberattacken mögen zwar kaum nachzuweisen sein; aber ein Staat, der zu diesem Mittel greift, um Druck auf einen anderen Staat auszuüben, wird sich vermutlich als Urheber eines solchen Angriffs erklären wollen. Russland hat die Verantwortung für die Cyberangriffe auf Estland 2007 und Georgien 2008 nur deswegen nicht übernommen, weil sie weitgehend folgenlos waren. Das eine war ein hacktivistischer Akt, das andere ein Nebenschauplatz des kinetischen Kriegs.

„Absolute Waffen“?

Für Terroristen mag Anonymität wichtiger sein; aber es ist eine Tatsache, dass es seit den Anschlägen vom 11.September 2001 keiner Terroristengruppe gelungen ist, zivile oder militärische Infrastrukturen ernsthaft zu treffen. Für eine Gruppe wie Al Qaida wäre ein Cyberterrorangriff viel zu teuer. Liff wendet sich aber nicht nur gegen die Panikmache in der jüngsten Zeit, er legt auch dar, wie gefährlich die Annahme ist, dass Technologien, einschließlich Waffen, Eigenschaften haben, die stets die gleiche, revolutionäre Wirkung entfalten, wo immer sie eingesetzt werden. Liff hält Cyberkriegführung nicht für revolutionär. Die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts hänge im Endeffekt von der Art der beteiligten Akteure ab, von ihrer Verhandlungsstärke und davon, wie viel zuverlässige Informationen sie über den anderen haben. „In den meisten Fällen“, schreibt Liff, „wird die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Parteien, die andernfalls nicht Krieg führen würden, durch Cyberwaffentechnik nicht signifikant erhöht. Überdies kann ein Cyberkriegspotential paradoxerweise unter bestimmten Bedingungen als Abschreckung gegenüber konventionell überlegenen Gegnern dienen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Krieges reduziert.“

Wie Liff anmerkt, haben auch schon früher Heerscharen von Militärexperten erklärt, dass strategische Bombardierungen und die Atombombe „absolute Waffen“ seien, die die Militärstrategie revolutionieren. Es ist unstrittig, dass Luftmacht und die Atombombe den Charakter von militärischen Konflikten beeinflusst haben. Aber ihre Logik - die Vorstellung etwa, dass Luftkrieg keine Verteidigung, sondern nur noch Angriff erlaube - ist durch politische, soziale und ökonomische Sachzwänge und andere Überlegungen derjenigen, die diese Waffen besaßen, deutlich entschärft worden. Luftmacht bedeutete nicht automatisch politische Macht.

Konsequenzen lassen sich nicht immer vorhersagen

Man kann sagen, dass teleologische Erklärungen von technologischem Wandel selten brauchbare analytische Erkenntnisse liefern. Allzu oft führen sie zu unklarem Denken und kurzsichtiger Politik. Teleologische Denkmuster sind aber noch immer weit verbreitet. So, wie gern angenommen wird, dass Cyberkriege prinzipiell schlecht für die internationale Sicherheit und den Weltfrieden sind, so populär ist die These, dass soziale Medien prinzipiell schlecht für Diktatoren sind und Internetfilter prinzipiell schlecht sind, weil sie Zufallsfunde und öffentliche Diskussionen verhindern. Die reale Welt ist nicht so simpel und eindeutig. Sie entzieht sich solchen unausgegorenen teleologischen Theorien und bewirkt, dass Technologien Rollen und Funktionen übernehmen, mit denen niemand gerechnet hat.

Mit anderen Worten: Welche Logik Cyberwaffen, sozialen Medien oder Internetfiltern auch innewohnen mag - sie verändert sich zwangsläufig, sobald diese Werkzeuge, abhängig von politischen, sozialen oder kulturellen Strukturen, in der Praxis angewendet werden. Auf diese Weise befördern Cyberwaffen letzten Endes den Weltfrieden, soziale Medien stärken totalitäre Regime, und Internetfilter ermöglichen Zufallsfunde. Solche Konsequenzen lassen sich nicht immer vorhersagen; aber je länger wir an teleologischen Erklärungsansätzen festhalten, desto geringer ist die Chance, dass wir bessere Rahmenbedingungen für technologische Analysen und Entscheidungsprozesse entwickeln.

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