https://www.faz.net/-gqz-7jtjx

Kolumne „Silicon Demokratie“ : Englisch reicht völlig aus

  • -Aktualisiert am

Alles „cute“ und „trashy“? „Wtf“! Bild: dpa

Das Online-Portal Buzzfeed krempelt das Internet um. Aber was ist, wenn die Welt wirklich ein globales Dorf wird? Dann hören wir nur noch Klatsch.

          4 Min.

          Dass die Welt dank elektronischer Medien zusammenwächst, ist kein sonderlich origineller Gedanke (erinnern Sie sich noch an Marshall McLuhans „globales Dorf“?), aber wenn es um die Details geht, sind die Vertreter dieser These immer erstaunlich vage. Sollen wir darüber jubeln, dass „Gangnam Style“, der satirische Popsong über den Lebensstil südkoreanischer Hipster, rund 1,8 Milliarden Aufrufe auf Youtube erzielt hat, obwohl die meisten Zuschauer den Text vermutlich nicht verstanden haben?

          Über soziale Netzwerke finden Ideen heutzutage eine ungeheuer rasante Verbreitung. Nehmen wir nur „Kony 2012“, die umstrittene Kampagne zur Ergreifung des ugandischen Rebellenkommandeurs Joseph Kony. Leider ist Schnelligkeit nicht zwangsläufig mit sinnvoller Aktion gleichzusetzen. Statt einer Handvoll ernsthaft engagierter Leute haben wir einige Millionen, die sich en passant für ein Thema interessieren – auf eine Weise, die alle Bemühungen, die Weltöffentlichkeit auf Probleme wie etwa den Rebellenkrieg in Afrika aufmerksam zu machen, womöglich untergräbt. Solche viralen Kampagnen mögen bei gezielten Aktionen wie Fundraising sinnvoll sein – bei allem, was darüber hinausgeht, wird es schwierig.

          Big Data schreibt die Artikel

          Die jüngste Erfindung in Sachen digitaler Kosmopolitismus kommt von Buzzfeed, einer Seite, die rasch eines der meistbesuchten Online-Portale geworden ist. Im August verzeichnete Buzzfeed 85 Millionen Besucher, dreimal mehr als im Vorjahr. Im nächsten Jahr rechnet man damit, eine der weltweit populärsten Seiten zu sein. Im Grunde genommen werden die Storys von Buzzfeed geschrieben, um in sozialen Netzwerken Verbreitung zu finden, was erklärt, warum sie einer jüngsten Studie zufolge öfter auf Facebook geteilt werden als Artikel anderer Seiten, etwa der „New York Times“ und des „Guardian“. Eine typische Buzzfeed-Story geht so: zehn Zitate, dazu Fotos von Kanye West und Freddie Mercury, präsentiert als Quiz unter der Überschrift „Wer hat’s gesagt – Kanye West oder Freddie Mercury?“

          Nach den spektakulären Resultaten zu urteilen, betreibt Buzzfeed „Viralität“ mit wissenschaftlichen Methoden. Dank modernster Analyseverfahren und Big Data weiß man genau, wie die Story beschaffen sein muss, damit sie von möglichst vielen Leuten geteilt wird. Diesen Ansatz könnte man am besten als Taylorismus der viralen Welt beschreiben. So, wie Frederick Taylor wusste, wie Arbeitsabläufe im Interesse maximaler Effizienz gestaltet werden mussten, so weiß Buzzfeed, wie ein Artikel aussehen muss, damit er auf möglichst viele Klicks und Likes kommt; der Inhalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

          Die fleißigen Übersetzer

          Bislang stand Buzzfeeds angestrebter Weltherrschaft nur ein Hindernis im Weg: Viele Storys, obschon reich illustriert, sind noch immer zu textlastig, was für nichtenglischsprachige Konsumenten eine Barriere ist. Also, dieses Hindernis ist beseitigt, denn Buzzfeed hat mit Duolingo einen Deal vereinbart. Duolingo ist ein vielversprechendes Start-up für das Erlernen von Sprachen, gegründet von Luis von Ahn, dem wir die Erfindung von Captcha verdanken, dem Antispamsystem, bei dem man zwei Wörter eingeben muss, um zu beweisen, dass man kein spammender Bot ist. Ursprünglich arbeitete Captcha mit beliebigen Buchstabenfolgen, doch dann erkannte von Ahn, dass Nutzer auf diese Weise auch beim Digitalisieren von Büchern mithelfen können – warum sollten sie zufällige Buchstabenkombinationen eingeben, wenn sie auch schwer lesbare Wörter aus gescannten Büchern eingeben konnten?

          Weitere Themen

          Stärken durch Zerschlagen?

          Kommission zur Preußenstiftung : Stärken durch Zerschlagen?

          Der Wissenschaftsrat will die Preußenstiftung auflösen und dadurch ihre einzelnen Teile stärken. Das kostet Geld. Doch bei der Vorstellung der Evaluierungsstudie in Berlin werden weder Zahlen noch Namen genannt.

          Topmeldungen

          Während die Quarantäne für die meisten Wohnblocks in Verl inzwischen aufgehoben wurde, müssen die Anwohner eines Hauses noch hinter Bauzäunen ausharren.

          Die Leiharbeiter von Gütersloh : Der Werkvertrag als sozialer Magnet

          Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gelten als besonders hart, nur wenige halten hier lange durch. Doch viele Arbeiter bleiben auch nach ihrer Anstellung in Deutschland – und stellen die Kommunen vor Herausforderungen.
          Donald Trump im Juli im Washington

          Gerichtsentscheidung : Buch von Trump-Nichte darf erscheinen

          Zu viel sei schon über das Buch berichtet worden, begründet der Richter seine Entscheidung. Es jetzt stoppen zu wollen, sei falsch und wäre zwecklos. Wegen seines neuen Buchs muss derweil Donald Trumps Sohn Spott ertragen.
          Für jene, die nichts erben, wird das Eigenheim wohl oft ein unerfüllter Traum bleiben.

          Finanzierung : Eigenheime und Aktien sind Granaten

          Sollte man Hauskredite so langsam abbezahlen wie möglich und das Geld lieber in Aktien stecken? Wer so handelt, braucht starke Nerven. Wer die nicht hat, sollte anders vorgehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.