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Kolumne Silicon Demokratie : Der Preis einer Person

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Wir wollen doch flexibel bleiben!

Angenommen, Shawn Buckles möchte, nachdem er seine persönlichen Daten verkauft hat, seine Lebensweise ändern. Vielleicht erwägt er, Vegetarier zu werden. Also gibt er bei Google den Suchbegriff „auf vegetarische Ernährung umstellen“ ein. Ganz egal, welche Seiten er findet, er hat signalisiert, dass ein bislang stabiles Element seiner Lebensweise nunmehr zu haben ist. Das löst Ereignisse aus, die zufällig erscheinen, aber von konkurrierenden Unternehmen exakt auf ihn zugeschnitten sind: Shawns Supermarkt bietet ihm beim Kauf von Gemüse persönlichen Rabatt an, während das nahe gelegene Steakhaus mit Gutscheinen für ein tolles Abendessen lockt. Beides kann ihm aufs Smartphone übermittelt werden.

Ob Shawn tatsächlich Vegetarier wird, ist unerheblich: Seine formal autonome Entscheidung wird von Faktoren beeinflusst, die er nicht mehr wahrnimmt oder berücksichtigt. Er vermutet das vielleicht, ist aber nicht in der Lage, Kausalzusammenhänge zu erkennen. Gut vorstellbar, in welche Richtung er gedrängt würde, wenn der Staat in seinem Kampf gegen Übergewicht versuchen würde, Shawn per Smartphone-App von den Vorteilen vegetarischer Ernährung zu überzeugen.

Unsere Welt ist viel beweglicher, interaktiver und individualisierter als vor vierzig Jahren: Heutzutage erwarten wir individuelle Ansprache, personalisierte Werbung, personalisierte Unterhaltung. Das hat Vorteile. Aber es besteht auch Grund zur Besorgnis: Wenn wir unveränderliche, ausgeprägte Präferenzen hätten, wäre eine Berücksichtigung unserer Bedürfnisse sehr willkommen. So sind wir aber nicht, und so wollen wir vermutlich auch nicht sein. Wir wollen die Möglichkeit haben, Neues auszuprobieren, andere Lebensentwürfe zu entwickeln, Wertvorstellungen zu prüfen, uns von alten Projekten zu trennen und neue in Angriff zu nehmen.

Marktkräfte werden uns bestimmen

Diese Selbstvergewisserung ist oft ein langsamer Prozess. Sobald wir aber zu erkennen geben, dass wir diesen Experimentierraum betreten haben - durch Suchanfragen, eine verräterische Andeutung in einer E-Mail, einen Gefühlsausbruch, den die Google-Brille entdeckt -, ist Schluss mit unserer Autonomie, denn unser plastisches Umfeld liefert uns Optionen, die uns in eine Richtung drängen, die den Werbekunden und zunehmend auch dem Staat genehm ist, statt uns freizustellen, in welche Richtung wir gehen wollen.

Unsere intimen Daten zu verkaufen heißt, diesen Experimentierraum auf ein Minimum zu reduzieren. Wir verzichten auf unsere Autonomie und akzeptieren, dass existentielle Entscheidungen in unserem Leben von den Marktkräften getroffen werden oder vom Staat, der uns zu einem bestimmten Verhalten drängen will. Ob wir zu vegetarischer Ernährung übergehen, ob wir uns überhaupt mit diesem Thema auseinandersetzen, hängt in dieser Welt davon ab, welcher Akteur - Steakhäuser, Supermärkte, Behörden - am meisten von diesem Sinneswandel profitiert.

Solange es keine strengeren Datenschutzbestimmungen gibt, würden zwar viele persönliche Daten ohnehin bekanntwerden und das oben geschilderte Szenario in jedem Fall eintreten. Das heißt aber noch lange nicht, dass persönliche Daten nur eine Art Ware sind und unsere Probleme sich in Wohlgefallen auflösen würden, wenn wir es nicht mit den Datenkraken Google und Facebook, sondern mit vielen kleinen Datenunternehmern zu tun hätten.

Unsere Daten gehören uns, sie sind Ausdruck unserer Individualität - wer sie verkauft, verwandelt sich in einen interaktiven Werbeträger. Es geht nicht an, dass Menschen sich unter Verweis auf ihre Autonomie in die Sklaverei verkaufen. Diese Einschränkung akzeptiert sogar der Liberalismus. Warum sollten wir eine Ausnahme machen für Leute, die zwar nicht ihren Körper, aber doch ihre Entscheidungsfreiheit verkaufen wollen?

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