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Kolumne „Silicon Demokratie“ : Achtung, Achtsamkeit!

  • -Aktualisiert am

Spiritualisierung der Wall Street: ein New Yorker Börsenhändler während seiner täglichen Meditationspause Bild: AFP

Jetzt gibt es sogar schon Apps für Aussteiger. Dass ausgerechnet die Wortführer der Aufmerksamkeitsindustrie ihre glühendsten Verfechter sind, ist etwas verdächtig.

          Der New-Age-Jargon der sechziger Jahre ist noch immer en vogue. Das erkennt man daran, dass „Achtsamkeit“ die neue „Nachhaltigkeit“ ist. Niemand weiß genau, was darunter zu verstehen ist, aber jeder ist dafür. Kürzlich war das sogar die Titelgeschichte von „Time“, und diverse Prominente – von Arianna Huffington und Deepak Chopra bis zu Paolo Coelho – propagieren unermüdlich die Vorzüge von Achtsamkeit, gern auf Konferenzen wie „Weisheit 2.0“. Sogar auf dem jüngsten Davoser Weltwirtschaftsforum fand dazu eine Diskussion statt. Befördert wird diese Renaissance der Achtsamkeit von technologischen Innovationen wie Apps und Aktivitätstrackern, die neue Möglichkeiten für Meditation, Bewusstheit und Stressbekämpfung eröffnen.

          Huffington, die sich als besonders engagierte Verfechterin der Achtsamkeitsagenda hervortut (ihre gleichnamige Online-Zeitung lanciert sogar eine Stressvermeidungs-App mit dem poetischen Namen „GPS für die Seele“), ist ein besonders merkwürdiger Fall, weil Achtsamkeit ja gerade von sozialen Medien, Gadgets und Apps bedroht wird, jener Welt also, die Huffingtons Domäne ist. Selbst Google-Chef Eric Schmidt gehört diesem Club an. Er findet, dass wir regelmäßig offline sein sollten, und hat erklärt, dass er seine Mahlzeiten künftig smartphonefrei einnehmen werde. Apps und Unternehmen bieten uns an, „digitalen Schabbat“ zu halten, eine „digitale Fastenkur“ zu machen oder mit Gleichgesinnten Ferien in einem internetfreien Camp zu erleben. Noch nie hat uns das Netz so viel geboten, um aus dem Vernetztsein auszusteigen. Wir sollen abschalten, um nach der Rückkehr ins Land der Ablenkungen unseren Aktivitäten umso konzentrierter nachgehen zu können. Achtsamkeit spielt hier die gleiche Rolle wie der Buddhismus – genauer gesagt: die unternehmerfreundliche Variante des Buddhismus, wie sie in Davos gepriesen wird.

          Entfremdung als Emanzipation

          In unserer komplizierten und unübersichtlichen Welt ist das einzig Sinnvolle, die Dinge mit zenmäßiger Gelassenheit zu akzeptieren. Nimm die Welt, wie sie ist, und versuche, deinen Frieden darin zu finden. Die reaktionäre Tendenz einer solchen Haltung liegt auf der Hand. Wie Slavoj Žižek spottete: „Wenn Max Weber noch lebte, würde er einen Ergänzungsband zu seiner protestantischen Ethik mit dem Titel ‚Die taoistische Ethik und der Geist des globalen Kapitalismus‘ schreiben.“

          Unternehmer sind für Achtsamkeit aus demselben Grund, wie sie für alle anderen Formen des „neuen Geistes des Kapitalismus“ sind, ob Yoga am Arbeitsplatz oder Flipflops in der Führungsetage – so kann man Entfremdung als Emanzipation verkaufen und zugleich die Produktivität steigern. Nicht von ungefähr glaubt Arianna Huffington, das Streben nach Achtsamkeit à la Davos werde zu einer Versöhnung von Spiritualität und Kapitalismus beitragen. „Immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese beiden Welten sehr eng miteinander verflochten sind – oder es zumindest sein können und auch sein sollten“, schrieb sie unlängst. „Ich möchte in der Tat über Profitmaximierung und Umsatzerwartung sprechen – indem ich darauf hinweise, dass das, was für uns als Individuen gut ist, auch für die amerikanischen Unternehmen gut ist.“

          Digitale Entschlackungskur

          Politisch interessant an dieser kapitalismusfreundlichen Achtsamkeit ist, dass sie zu einem bewussten Ausklinken aus der Welt von Facebook und Twitter ermuntert. Achtsamkeitsprediger präsentieren dieses Ausklinken als dringend erforderliche Pause, die wir alle brauchen, um anschließend weiterzumachen – und den Status quo zu erhalten. Nach dieser Lesart wird der von Ablenkung und Erreichbarkeit produzierte Stress einer autonomen und unbezwingbaren Macht zugeschrieben (Moderne, Fortschritt, Technologie), unserer mangelhaften Stressfähigkeit oder gar der Tatsache, dass auf unseren iPads keine Antistress-Apps installiert sind.

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