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Sigrid Neuberts Fotografien : Die Sonne als Komplizin

  • -Aktualisiert am

Ikonische Aufnahmen gelangen Neubert von der Erdfunkstelle Raisting. Bild: Staatliche Museen zu Berlin/Kunstbibliothek

Sigrid Neubert hat viele Ikonen der Nachkriegsarchitektur richtig ins Licht gerückt und mit der Wirkung scharfer Kontraste gespielt. In Ingolstadt wird das Werk der im Herbst verstorbenen Fotografin ausgestellt.

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          Dass die Nachkriegsarchitektur oft viel besser war als ihr miefiger Ruf, bestreitet kaum noch jemand. Und doch verblüfft es in der Ausstellung von Sigrid Neuberts Architekturaufnahmen wieder, wie konsequent modern und mit welch eleganter Klarheit viele Bauten dastehen, nicht zuletzt Privathäuser, die dem öffentlichen Blick nun mal schwer zugänglich sind. Dabei ist der Anteil der Bilder an positiven Überraschungen nicht zu unterschätzen: Hier war eine einfühlsame Interpretin mit der Kamera am Werk. Die Eröffnung ihrer bisher größten, vom Berliner Museum für Fotografie übernommene Werkschau im Lechner Museum in Ingolstadt, hat die große Dame der deutschen Architekturfotografie noch erlebt, kurz darauf ist sie einundneunzigjährig vor wenigen Tagen gestorben.

          Die Schau blättert eine Lebensleistung auf, die den Zukunftswillen und den Optimismus der Wiederaufbaujahre und einer jungen Architektengeneration wachruft. Sigrid Neubert studierte Fotografie in München, als die Stadt noch in Trümmern lag. Mitte der fünfziger Jahre stieg sie nach Anfängen mit Werbeaufnahmen auf Architekturfotografie um; wie so vieles, was mit Bauen zu tun hat, war dies eine Männerdomäne, in der sich wenige Frauen behaupteten. Doch Sigrid Neuberts Leidenschaft für die Materie und ihre Professionalität scheinen Architekten schnell überzeugt zu haben, mehr als drei Jahrzehnte lang kooperierte man bei bedeutenden Bauvorhaben, vor allem in Süddeutschland.

          Orientierung am bewunderten Amerika

          Das kompakte, funktionale Haus Gautier am Hang in Starnberg lässt sein kubisches Obergeschoss blankweiß über den natursteinverkleideten Sockel vorkragen; damit erinnert es, auch wegen der großen Terrasse und einem luftigen, hellen Inneren ein wenig an Kaliforniens Modernismus, und dessen Chronist, Julius Shulman, hätte es kaum besser ins Bild setzen können. Kein Wunder, denn das Architektenpaar Walther und Bea Betz orientiert sich hier 1955 bei seinem allerersten Auftrag am bewunderten Amerika und bittet Sigrid Neubert explizit um Aufnahmen in der Art von Shulman, dessen wegweisender Blick auf moderne Bauten die gesamte Zunft beeinflusste.

          Shulman-Kniffs wie die monumentalisierende Wirkung eines tief liegenden Betrachterstandpunkts verleibte Neubert ihrem persönlichen Stil ebenso ein wie die Einbettung der Baukörper in die Landschaft und die dramatische Wirkung scharfer Kontraste: Mit der Sonne als Komplizin ging sie durch den Tag und um die Häuser, um, lange ausschließlich in Schwarzweiß, deren Verwandlung festzuhalten, ihre plastische Wirkung zu steigern. Licht- und Schattenspiele bringen Dynamik, sie verhindern, dass das Auge, sich auf großen Flächen langweilt; scharf tritt plötzlich das Relief einer Fassade hervor und tief rauscht der Blick in die Räume. Kein Detail entgeht ihrer Kamera, sogar die feinen Strukturen der Baustoffe – körnige Putze, gemaserte Hölzer, keramische Fliesen, glänzendes Aluminium, kruder Bruch- oder glatter Backstein –, bringt sie zur Geltung.

          Sigrid Neubert im Januar 1980

          Dieses exzellente Gespür für Materialität versöhnt sogar mit dem Brutalismus, der noch immer nicht jedermanns Sache ist, aber schon manche Denkmalschutzplakette trägt. So etwa das unweit vom Lechner-Museum gelegene 1966 vollendete Ingolstädter Stadttheater. Neuberts Bilder feiern diese begehbare Sichtbetonplastik in den unzähligen Grauschattierungen ihrer Oberflächen. Die wahre Schönheit eines seiner Bauten habe er erst auf Neuberts Bildern erkannt, sagte einst ein Architekt, gedacht haben werden das viele. Auf ihr Können setzten Kurt Ackermann, Hans-Busso von Busse, Manfred Lehmbruck, Gustav Peichl, Karl Schwanzer und viele Baumeister mehr. Es gab keine bessere Werbung für ihre Tätigkeit als diese brillanten Bilder.

          Ikonische Aufnahmen gelangen Neubert von der Erdfunkstelle Raisting. Bis heute thront die hochmoderne Antennenanlage der frühen Sechziger mit einem riesigen Parabolspiegel auf freiem Acker. Neubert inszeniert Hans Maurers Entwurf spektakulär vor der Alpenkette und einer fernen Kapelle, zwei Überleitungen zum Himmel, an dem eine wilde Wolkenszenerie den Kosmos aufruft.

          Die Münchner Olympischen Spiele werden von hier aus 1972 in alle Welt übertragen; die Orte des Geschehens, die Stadien mit den förmlich schwebenden, transparenten Zeltdächern, fotografierte Neubert in ebenso genuinem Erfassen des Baucharakters wie den silberfarbenen Vierzylinder, den BMW als Verwaltungshochhaus in München errichten lässt, mit einem Museum in Form einer riesigen Betonschüssel gleich daneben. Von 1990 an widmete sich Sigrid Neubert ausschließlich Naturaufnahmen. Parallel zu den Architekturfotos werden im Papierhaus des Lechner Skulpturenparks in Obereichstätt beispielhafte Strecken von romantischem Zauber im Nymphenburger Schlosspark oder Felsformationen in Sardinien gezeigt.

          Sigrid Neubert – Fotografien. Architektur und Natur. Im Lechner Museum Ingolstadt und im Papierhaus des Lechner Skulpturenparks, Obereichstätt; bis zum 10. Februar 2019. Zur Ausstellung erschien das Buch von Frank Seehausen „Sigrid Neubert, Architekturfotografin der Nachkriegsmoderne“ zum Preis von 45 Euro.

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