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Sigrid Löffler zum Siebzigsten : Die Autonome

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Streitbar im Dienste der Literatur: Die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler Bild: dapd

In Wien, Hamburg und Berlin hat sie als Redakteurin gearbeitet. Ihr einziger Souverän aber ist die Literatur. Deshalb muss man sich diese Kritikerin als glücklichen Menschen vorstellen.

          Am 30. September 1988 eröffnete Marcel Reich-Ranicki eine neue Literatursendung im ZDF, in der vier Kritiker über Bücher sprechen sollten. Eine Dame saß in der Runde, die den deutschen Zuschauern noch nicht bekannt war. Also übernahm es Reich-Ranicki, sie vorzustellen, und es wurde eine sonderbare Übung in angewandter Dialektik: Sigrid Löffler gelte „sehr zu Recht als eine der geistreichsten Frauen Österreichs“, stellte er fest, um dann irritierenderweise fortzufahren, manche würden sie auch „sehr zu Unrecht für eine etwas boshafte Dame“ halten.

          Von der in diesem Moment etablierten Spannung zwischen Reich-Ranicki und Sigrid Löffler lebte das „Literarische Quartett“ dann bis zum Sommer 2000, als Löffler die Sendung verließ. Sie hat es im Fernsehen wie in ihren Texten verstanden, ihren Punkt zu machen: Die Autonomie der Literatur ist souverän gegenüber allen anderen Ansprüchen und Interessen, auch denen des Publikums oder gar der Branche. Das klingt banal, hat aber weitreichende soziale Implikationen, denn wo immer sich Journalisten, Verleger oder Buchhändler treffen, um sich Rücken klopfend zu gratulieren oder in allgemeinem Wohlgefühl zu schwelgen, dass es schon kein falsches Leben im richtigen gebe, da formuliert sie knapp und stets etwas zu höflich ihren Dissens. Aufklärerinnen steht die Rolle des Sisyphos am besten, da soll man gar nicht lang oben vom tollen Ausblick schwärmen.

          Literatur soll herausfordern und verstören

          Darum ist es ganz logisch, dass ihre feuilletonistische Aufmerksamkeit auch dem „Ende der Spaßgesellschaft“ galt, denn sie besaß schon früh ein Sensorium für die gegenwärtige Tendenz postmoderner Gesellschaften, dahin abzudriften, was Bundespräsident Gauck jüngst als „Glückssucht“ diagnostizierte. Auch die industriell gefertigte Literatur ist nicht davor geschützt, solches Kulturmethadon herzustellen und zu vertreiben.

          Immer fettere Bücher, die handwerklich perfekt unterhalten, belehren und womöglich noch - wie es so oft auf den Klappentexten heißt - „glücklich machen“? Das wäre nach ihrem Verständnis eine Pervertierung literarischen Eigensinns. Die Literatur und ihr Betrieb sollten herausfordern und verstören, nicht narkotisieren.

          Gegen Aufweichungen der Kunst

          So etablierte sie sich als die entschiedenste Anwältin der Autonomie der literarischen Sphäre in einer Zeit, da diesem Bereich der kulturellen Produktion die rasche und vollständige Kolonisierung durch digitale Monopolisten droht. Und die zeigen auch immer ein freundliches Gesicht, tarnen sich als Bücherliebhaber, die Bücher zum Liebhaben vertreiben und - ist doch einfacher - auch gleich beauftragen und schreiben lassen.

          Gegen solche Aufweichungen der Kunst im lauwarmen Pool aktionärsfreundlicher Multimedia-Multis schreibt Löffler an, und zwar, als hätte sie es geahnt, bereits in Zeiten, die, von heute aus gesehen, noch die guten waren, als die freie Rede über Literatur im Fernsehen noch einen Platz hatte. Am 26. Juni feiert Sigrid Löffler ihren siebzigsten Geburtstag.

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