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Sigmund Gottlieb : Was wir! Jetzt! Wissen! Wollen!

  • -Aktualisiert am

Legende der Katastrophensondersenderei: Sigmund Gottlieb Bild: Foto Sessner

Im „Brennpunkt“ zu Uli Hoeneß fuhr BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb alles auf, was das Format an Dramatik zu bieten hat. Es war ein Keulenschlag der Fernsehgeschichte - nur leider völlig ohne Neuigkeiten.

          Er beginnt die Sendung mit den Worten: „Bilder voller Dramatik an diesem Tag“, und das ist bis zu exakt diesem Moment natürlich Unsinn. Alles, was es zu sehen gab an diesem Tag, waren Aufnahmen von einem angespannt irgendwas kauenden Uli Hoeneß, wie er den Gerichtssaal betritt, von der Gerichtssprecherin, der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft, wie sie vor der Presse stehen, und von Schaulustigen, die vor dem Justizgebäude am Münchner Stachus warten und in die Kamera sagen: „Echt? Dreieinhalb Jahre?“

          Die ersten Bilder voller Dramatik an diesem Tag, das sind diese: Wie Sigmund Gottlieb den „Brennpunkt“ moderiert, die Hände auf den großen „Brennpunkt“-Schreibtisch gestützt, und mit ernster „Brennpunkt“-Miene sagt: „Bilder voller Dramatik an diesem Tag.“

          „Brennpunkte“, die in die Zuständigkeit des Bayerischen Rundfunks fallen, sind immer dramatischer als „Brennpunkte“ von anderen ARD-Anstalten, ganz unabhängig vom Thema. Die anderen haben in ihrer Dekoration nämlich nur so einen läppischen Monitor. Beim BR steht der Moderator vor einer gewaltigen Breitbild-LED-Wand, und wenn darauf wild bewegte Bilder laufen und der Kameramann im Studio gleichzeitig vor dem Moderator hin- und herläuft, kann einem als Zuschauer schon mal schlecht werden, auch ohne Sigmund Gottlieb. Legendäre Momente der Katastrophensondersenderei sind so im vergangenen Jahr entstanden, als das Hochwasser größere Teile Mitteleuropas überflutete und „Brennpunkte“ das Fernsehprogramm des Ersten. „Man reibt sich die Augen und denkt: Das kann doch nicht wahr sein“, rief Gottlieb damals aus, „irgendwo im fernen Asien, ja, aber doch nicht bei uns!“

          Fest steht: es sind schwere Zeiten

          Diesmal waren hinter ihm keine überfluteten Häuser zu sehen, sondern ein überlebensgroßes, geschockt wirkendes Hoeneß-Gesicht, fotografiert im wegfahrenden Auto. „Uli Hoeneß verlässt das Gerichtsgebäude“, sagt Gottlieb bedeutungsschwer, „dunkle Momente.“ Das Urteil müsse ihn „wie einen Keulenschlag“ getroffen haben, fügt er hinzu, und wenn es etwas gibt, das zur unbestrittenen Kernkompetenz des BR-Chefredakteurs gehört, dann ist es, das Wort „Keulenschlag“ auszusprechen, dass es klingt wie ein Keulenschlag.

          Der BR legt den „Brennpunkt“ als eine Art Nachruf auf den Bayern-Präsidenten an, und der Tonfall ist so, dass man sich schnell fragt, ob man nicht noch etwas tun kann für diesen Mann. „Hoeneß steht am Tiefpunkt seines Lebens“, stellt Gottlieb fest, „eines Lebens, das bisher, auch wenn es anders aussah, nicht nur Höhen kannte.“ Und tatsächlich, der folgende Filmbeitrag zeigt, wie ein junger Uli Hoeneß schon 1974 nachdenklich in eine Kamera sagt: „Meine Freunde, mit denen ich Abitur gemacht habe, da hatte noch keiner die Probleme, wie mache ich Einkommensteuerjahresausgleich, wie lege ich mein Geld an, das sind alles Dinge, die ich in einem Alter schon bewältigen muss, die doch sehr, sehr schwierig sind.“ Auch die Leute, die die Filmbeiträge gemacht haben, müssen ganz mitgenommen gewesen sein. „Fest steht“, beginnt einer, „Uli Hoeneß hat in den letzten Monaten eine schwere Zeit erlebt.“ Er endet: „Fest steht nur: Die schwere Zeit ist für Uli Hoeneß noch nicht vorbei.“

          Überraschungen sind eher wahrscheinlich

          Aber was sind solche Sätze gegen Satzpausen? Sigmund Gottlieb weiß, was nur noch wenige Fernsehleute wissen, dass sich Lücken zwischen den Wörtern viel besser mit Pathos vollsaugen können als die Wörter selbst und vermeintlich schnöde Fragen mit ihrem Gewicht dann nach unten ziehen in ungeahnte Tiefen, wo Bedeutungshuberei gar kein Ausdruck mehr ist, sondern Bedeutungsgottlieberei heißen müsste. Seinen Studiogast bittet er so um eine Experteneinschätzung zu dem Urteil: „Entspricht es“, einundzwanzig, zweiundzwanzig, „dem Verurteilten? Entspricht es“, einundzwanzig, zweiundzwanzig, „der Tat?“ Das lässt sich kaum angemessen transkribieren, auch die Ausrufezeichen nicht, in die Gottlieb wippend vermeintlich unauffällige Wörter verwandeln kann: „Im folgenden Beitrag das Wichtigste, das wir! Jetzt! Wissen! Wollen!“

          Es bleiben dann, das muss Gottlieb konstatieren, noch viele Fragen offen, und vermutlich rechnen er und die Redaktion es sich als Verdienst an, sie in der fünfzehnminütigen Sondersendung alle noch einmal gestellt und mit angemessenen Bildern voller Dramatik versehen zu haben. Eine Prognose wagt der Chefredakteur dann aber doch, vermutlich auf der Grundlage jahrzehntelanger Erfahrung: „Überraschungen“, sagt Sigmund Gottlieb, seien „nicht ausgeschlossen, eher wahrscheinlich, vermute ich einmal“.

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