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Mystery-Serien bei Pro Sieben : Sie sind wieder da

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Die graben doch wieder irgendwas aus: Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) lösen nicht jeden Fall. Sonst wäre „Akte X“ auch nicht „Akte X“. Bild: Pro Sieben

Horror und Mystery bei Pro Sieben, den ganzen Abend: Eine neue Staffel von „Akte X“ und die Serie „The Exorcist“ bieten Weltflucht mit schickem Retro-Charme.

          Das haben wir jetzt davon: Die Außerirdischen streichen die Segel. Ein Planet mit Treibhauseffekt lohnt nämlich die Invasion nicht. Dass die Aliens die Macht nicht mehr übernehmen wollen, wie wir zum Auftakt der elften Staffel von „Akte X“ erfahren, heißt selbstverständlich nicht, dass der Weltuntergang nicht weiter drohte: Extraterrestrische Viren und maliziöse Verschwörer gibt es schließlich immer noch, außerdem digitale Versklavung in der Matrix, Mutanten, düstere Regierungsexperimente, eiskalte russische Agenten, die alten „Bond“-Filmen entsprungen sein könnten, neuerdings „Fake News“ und den Klimawandel ja ohnehin.

          Schauspieler schämen sich nicht mehr, der eigene Abklatsch zu sein.

          Genug zu tun also für die beiden FBI-Agenten Fox Mulder (David Duchovny, der inzwischen ja sogar „Californication“ hinter sich hat) und Dana Scully (Gillian Anderson), die einander seit nun schon einem Vierteljahrhundert erotisch umgarnen. Es war der „Bild“ eine Sondermeldung wert, dass sie nach diesem rekordverdächtigen Vorspiel nun erstmals weiter gehen. Zu dem gemeinsamen Sohn ist Scully schließlich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Außerdem erfahren wir auch darüber nun ein weiteres Geheimnis, Stichwort: der Raucher, Mulders Erzfeind und Vater.

          Nach der hölzernen zehnten Staffel – die Neuaufnahme nach dreizehnjähriger Pause wirkte bemüht aktuell; so spielte das auch 2016 nicht mehr ganz neue Verschwörungsinstrument Internet eine zentrale Rolle –, gewinnt Chris Carters Erfolgsserie im voraussichtlich finalen Aufguss etwas von ihrer alten Selbstsicherheit zurück. Spannung, Humor und Drama greifen gut ineinander. Die Schauspieler schämen sich nicht mehr, der eigene Abklatsch zu sein. Auch sind die neuen Folgen konsistenter und hegen die aus dem Ruder gelaufene Gesamtmythologie etwas ein, ohne nun allzu logisch zu werden. Wirklich notwendig scheint freilich auch diese aufwendig fotografierte Staffel nicht. Es ist bei allen scherzhaften Bezügen zur politischen Gegenwart (das FBI im Clinch mit dem Weißen Haus) letztlich der Retro-Charme, der für sie spricht: Autojagden, rauchende böse Männer in geschmackvollen Villen, Aliens im Gummianzug, absurd komplizierte Erklärungen, holprige Sprüche und im Soundtrack die Ramones. Vergangener kann eine Zukunft kaum wirken, und das ist schön heimelig harmlos.

          Stark genug, um ohne Markenimage zu bestehen.

          Eine überzeugendere Wiederannäherung ans Übernatürliche strahlt Pro Sieben im Anschluss aus. Die Serie „The Exorcist“ zeigt, wie taktvoll und zugleich souverän man mit einer ikonischen Vorlage umgehen kann (eine späte Offenbarung ausgenommen). Autor Jeremy Slater und Regisseur Rupert Wyatt sparen nicht mit Zitaten des Horrorfilmklassikers von William Friedkin (1973) – der Silhouettenmann mit Hut, Ratten auf dem Dach, nach hinten verdrehte Köpfe, die Stimme des Teufels, selbst die weißen Türen im Haus des besessenen Mädchens ähneln dem Original –, aber sie verlassen sich nicht auf diese Elemente. Die Erzählung selbst schließt nur atmosphärisch an die Vorlage an, spielt in der Gegenwart und ist stark genug, um ohne Markenimage zu bestehen.

          In doppelter Hinsicht unterscheidet sich der Zugang zum Kern des Plots: Der Film hatte sich viel Zeit gelassen, bis die Besessenheit des Mädchens manifest wurde. Zuvor mühten sich Ärzte hilflos mit Erklärungen ab. So viel Ungläubigkeit wäre ein zweites Mal vergeblich. In der Serie ist schnell allen Beteiligten klar, worum es sich handelt, auch wenn die zweite Episode eine kleine Überraschung bereithält. Andererseits lassen sich Slater und Wyatt ganz auf die psychologische Dimension dieses schwarzen Märchens ein, setzen weniger auf klassische Schockeffekte als auf den Umstand, dass in allen Menschen auch dunkle Triebe wohnen, die sich gerade in der Adoleszenz einen Weg ans Licht bahnen. Zugleich wird es wichtig, sich den eigenen Dämonen zu stellen. Besessene dürfen hier also mehr sein als nur Opfer oder Patienten. Sie können kämpfen, aber auch versagen.

          Erstklassig ist die Besetzung. Geena Davis spielt mit Bravour eine verzweifelte Mutter. Deutlich mehr Raum als im Film nimmt das Widerspiel der beiden charismatischen, grundverschiedenen Kirchenmänner ein. Father Marcus (Ben Daniels), der „gefallene Priester“, ist ein Soldat Gottes. Als alttestamentarischer Rächer lehrt er Dämonen das Fürchten. Doch seit er ein wichtiges Duell verlor, feixen die unreinen Geister über ihn. Dem Exorzisten steht der progressive Pater Tomas Ortega (Alfonso Herreira) gegenüber, in dessen Gemeinde die befallene Familie Rance lebt. Er ist sensibel, hat Probleme mit der Keuschheit, und doch hält er wacker am Glauben fest, auch in Bezug auf Dämonen. „Die werden sie lieben“, prophezeit Vater Marcus, die narrativ weit stärkere Figur.

          Bald zeigt sich indes, dass das Böse, dem man nur gemeinsam die Stirn bieten kann, konzisere Pläne verfolgt als im Film, leider, denn eine Verschwörung gegen den Papst wirkt gleichermaßen überengagiert wie kleingeistig. Seit wann gibt sich der Antichrist denn mit Stellvertretern zufrieden? Da könnte man gleich den Klimawandel befeuern. Das Gruselige am Dämonischen war doch immer, dass es nur spielen will. Aus purer Lust am Leid. Doch Subtilität hin oder her, die auf den Punkt getimte Thrillerspannung bekommen Slater und Wyatt perfekt hin.

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