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Sido und Bushido : Klingt nach Burn-out

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Früher haben sie sich beschimpft, jetzt rappen sie gemeinsam: Sido und Bushido Bild: dapd

Die Superstars des deutschen Rap wollen gemeinsam noch einmal Kasse machen. Sie könnten mit ihrem Album aber auch einen FDP-Parteitag beschallen.

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          Merkel muss den Euro retten, in Italien und Griechenland schimpfen sie auf die Gläubiger, an der Wall Street und in Frankfurt protestieren die Jungen. Tja, Kapitalismus, hast du dir wohl anders vorgestellt, deine Karriere, wo doch erst alles so gut lief, von wegen Virtualisierung der Finanzwelt und so. Und jetzt verlierst du, lieber Profitmaximierungsapparat, deine beiden eifrigsten Fürsprecher auf Popebene, zumindest im Fleißland Germany: Bushido und Sido, die Star gewordenen Mehrwerterzeuger am Mikrofon, zwei Proleten mit dem Willen zur Selbstdarstellung und Selbstvermarktung.

          Zu Beginn hatte das durchaus seine Reize. 2003 veröffentlichte Bushido das Debüt „Vom Bordstein bis zur Skyline“, im selben Jahr verabschiedete die Schröder-Regierung ihre Agenda 2010. Kurz danach kam „Maske“ von Sido, und auf einmal hatte das Land die Begleitmusik zu Hartz IV und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wieder was zum Indizieren.

          Ressourceneffizienz im Zeichen der Erschöpfung

          Geschult am amerikanischen Gangsta Rap, fasziniert vom Unterschichtentheater, wie es RTL 2 bis heute vermarktet, erkannten Jugendliche im Deutschtunesier und Ostberliner die Entertainer der Stunde. Die ließen sich in Texten von kaltgemachten Huren und ausgeraubten Bonzen ihre Ressentiments bestätigen, der Rest konnte Eltern und Erzieher schocken. Die Mittelschicht - ein Haufen „Opfer“.

          Das Milieu ist nun tatsächlich in der Klemme, und wieder haben die beiden die Musik zur Misere beigesteuert. „Burnout“ prangt es von Magazin- und Buchtiteln aller Orten, das Arbeitssubjekt ächzt im Schraubstock postmoderner Ansprüche: Kommunikation, Flexibilität, Digitalität. Auch die beiden Starreimer sind erschöpft, vor allem von ihrer eigenen Karriere. Man hat es schließlich zum Unternehmer geschafft, ist Bestsellerautor, Fernsehmoderator, Filmstar geworden. Über all dem Stress war man zeitweise verfeindet, nun rauft man sich zusammen. Synergieeffekte nennt das die Wirtschaft, Ressourceneffizienz - aber, und das ist hier das Paradox, eben ganz im Zeichen der Erschöpfung.

          Der 7 er bleibt in der Garage und der Rapper lieber zuhause

          Das zeigt sich schon im Klangdesign: Das Intro noch Fanfarenpomp wie beim Auftakt von Boxkämpfen, doch die Energie wird gar nicht erst aufgenommen. Stattdessen die immer gleichen Rumpelbeats, trist sägenden Gitarren, schluchzenden Pianos auf Horrorfilmniveau - Burn-out also schon vom Sound her und auch sonst ganz die Dramaturgie der Ermattung; keine wirklichen Höhepunkte, aber auch kein kompletter Zusammenbruch.

          Stattdessen ein stumpfes Umkreisen der eigenen Lage, depressiv fixiert auf den Glanz vergangener Tage. „Ich seh’ den Mann im Spiegel/Es fällt ihm schwer zu lächeln/Ja so ist das Leben/Man wird älter, und die besten Tage sind gezählt“, heißt es im Stück „Bring mich heim“. Das ist Erschöpfungslyrik von Rappern, die vor nicht allzu langer Zeit in ihren Songs „Kilos vertickt(en)“ und mit dem „7er durch die Dreißiger-Zone“ brausten.

          Zwar gibt es noch den einen oder anderen Auftritt als Getto-Münchhausen, sogar mit ironischen Obertönen. „Ich hab mir über Nacht ein goldnes Haus gebaut/Goldner Rasen, und den Zaun da vergold’ ich auch“: So macht sich Sido über seine eigenen Kleinbürgerwohlstandsträume lustig (realiter hat er sie sich eins zu eins erfüllt). Bushido karikiert sein Bürgerschreck-Image: „Ich guck so böse, als hätt’ ich ein Gramm Koks im Auge.“ Aber das sind nur Details im grob gepinselten Überdrussgemälde.

          Der Soundtrack für die Liberalen

          Meistens wird die Außenwelt mit narzisstischer Gehässigkeit registriert, die Konkurrenz soll verrecken, die großen Tugenden des Hiphop - Solidarität, Sympathie für den Underdog, Vision eines gesellschaftlich anderen - erscheinen als Witz. Wie sinnig, dass der Albumtitel eine Primzahl ist: nur durch sich selbst und eins teilbar. Das trifft auch auf die Idee einer Ästhetik zu, die sich in der Feier des Ennui gefällt.

          Hat das FDP-hafte, der sture Glaube an eigenverantwortlichen Erfolg und Belebung durch harte Konkurrenz, abgebaut? Aber der Rösler-Partei geht es ja ähnlich. Da, scheint es, bringt auch niemand mehr die Energie auf, sich aus der Ermattung zu ziehen. „23“ ist der Soundtrack zum kommenden Parteitag der Liberalen!

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