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Shopping Malls : Jeden Sonntag findet kein Gemeinschaftsausflug statt

  • -Aktualisiert am

Weihnachtsstimmung in der Mall Bild: AP

Der Monsterstadtplaner und sein Geschöpf: Victor Gruen erfand die „Shopping Mall“ als bürgerliche Utopie. Der größte Konsumtempel Amerikas hat heute mehr Besucher als Disneyland und der Grand Canyon zusammen.

          6 Min.

          Die Frau, die hinter dem Kleiderständer mit den Kinderanoraks erscheint, ist offenkundig nicht zum Einkaufen gekommen. Sie trägt ein lila Abendkleid und hat ein Paillettentäschchen dabei. Auch der junge Mann, der hinter ihr auftaucht, ist festlich angezogen. Seine Garderobe ist allerdings etwas in Unordnung geraten; die Krawatte sitzt schief, und ein Zipfel seines Hemdes ist aus der Hose gerutscht. Das Paar eilt zum Ausgang des Kaufhauses „Bloomingdale's“. Suchend bleibt es vor dem Sportschuhgeschäft „Footlocker“ stehen, aus dem laute Rapmusik dringt, bis es schließlich sein Ziel entdeckt: das Brautstudio „Chapel of Love“.

          Zwischen den üppigen Kleidern und den mit Schleiern und Hochzeitskerzen gefüllten Regalen fällt die Tür links neben der Kasse kaum auf. Hinter ihr verbirgt sich das Herzstück des Brautstudios: die Hochzeitskapelle. Der Raum ist fensterlos und hat einen schmutzabweisenden Teppichboden. Als Requisiten der Romantik dienen weiße Bänke, weißgrüner Kunstblumenschmuck und elektrische Kerzen.

          Trauungen und Oberhemden

          Mehr als 4200 Hochzeitspaare haben sich in der „Chapel of Love“ in den letzten zehn Jahren ewige Treue geschworen. Auch die Frau in dem lila Kleid und ihr unordentlicher Begleiter sind Gäste eines Brautpaares, das an besonderem Ort getraut werden will: in der „Mall of America“, dem größten geschlossenen Einkaufszentrum der Vereinigten Staaten. Daß auf diesem viergeschossigen Riesenwühltisch von 420.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, den mehr als 520 Geschäfte bedienen, Trauungen gleichsam wie Oberhemden, Mobiltelephone und Kosmetika angeboten werden, scheint die Amerikaner nicht zu stören. Die „Mall of America“ in Bloomington, einem Vorort von Minneapolis, Minnesota, zählt zu den beliebtesten Orten des Landes, die Hochzeitspaare für ihre Trauung wählen.

          Ob Victor Gruen, der Erfinder der „Shopping Mall“, glücklich beim Anblick der „Chapel of Love“ gewesen wäre? Vielleicht wäre der jüdische Architekt, ein bekennender Sozialdemokrat, der vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten flüchtete und 1973 als berühmter Mann in seine Heimatstadt Wien zurückkehrte, eher wehmütig geworden. Denn die Hochzeitsgesellschaft, die sich die Wartezeit bis zur Trauung zwischen den Sportschuhregalen bei „Footlocker“ vertreibt, weckt Erinnerungen an Gruens Ursprungsidee von der Mall. Der Architekt, der 1903 als Victor David Grünbaum geboren wurde, hatte bei der Planung von Einkaufszentren nicht nur Konsum im Sinn. Vielmehr sollten die Shopping Malls auch Orte der Begegnung und der Kommunikation sein. Die Menschen sollten dort verweilen, sich an Gärten und Kunstwerken erfreuen, gemeinsam essen und trinken, Freundschaften schließen und Romanzen beginnen.

          Städtische Lebenskultur

          420.000 Quadratmeter Verkaufsfläche: die „Mall of America”
          420.000 Quadratmeter Verkaufsfläche: die „Mall of America” : Bild: AP

          In der Shopping Mall sah Gruen die Rettung vor der Suburbanisierung Amerikas. Den seelenlosen Wucherungen auf der grünen Wiese wollte der österreichische Intellektuelle neue Zentren städtischer Lebenskultur entgegensetzen. Einkaufspaläste, so war seine Vision, würden für Amerika zu dem werden, was die Agora für das antike Athen gewesen sei. Gruens erste überdachte und vollklimatisierte Mall liegt kaum zehn Autominuten von der „Mall of America“ entfernt, im Vorort Edina, südlich von Minneapolis. Der erste Spatenstich für das „Southdale Center“, das damals von der amerikanischen Presse begeistert gefeiert wurde und zu dem die Zeitschrift „Architectural Forum“ anerkennend schrieb, es vermittle stärker den Eindruck einer Innenstadt als die amerikanischen Innenstädte selbst, liegt in diesen Tagen genau fünfzig Jahre zurück.

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