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Shooting-Stars : Ein kleiner deutscher Film

Leopardenjäger: Filmregisseur Iain Dilthey Bild: ap

Wer ist Iain Dilthey? Ein Jungregisseur, der gerade aus Locarno zurück nach Deutschland reist - im Gepäck den „Goldenen Leoparden“. FAZ.NET erreichte ihn am Handy.

          Den „Goldenen Bären“, den Hauptpreis der Berlinale, gewann als letzter deutscher Regisseur Reinhard Hauff - 1986 für seinen Film „Stammheim“. Die „Goldene Palme“ von Cannes gewann als letzter Deutscher Wim Wenders, 1984 für „Paris, Texas“. Der „Goldene Löwe“ von Venedig ging 1982 letztmals an einen Deutschen: Wieder war es Wenders, der mit „Der Stand der Dinge“ triumphierte.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beim Filmfest in Locarno war es Wolfgang Becker, der 1988 mit „Schmetterlinge“ den letzten Hauptpreis nach Deutschland holte. Damals aber galt Locarno noch als „B-Festival“; erst mit diesem Jahr ist es in die A-Kategorie neben Cannes, Berlin und Venedig aufgestiegen. Am Sonntag wurde der „Goldene Leopard“ 2002 verliehen - und zwar an einen deutschen Film: „Das Verlangen“ von Iain Dilthey. Iain Dilthey?

          „Wahnsinnspreis“ für Studentenfilm

          Man wird sich den Namen merken müssen - und das nicht nur deshalb, weil die Filmkritiker in ihren Festivalberichten zumindest den Vornamen bislang in unschöner Regelmäßigkeit falsch schrieben. Das wird ihnen von nun an, wo Iain Dilthey sich in der Preisträgerliste Locarnos verewigt hat, ziemlich peinlich sein. Und doch darf man es ihnen nachsehen: Besonders lange nämlich ist der Regisseur noch nicht im Geschäft. „Das Verlangen“ ist sein erster abendfüllender Spielfilm. Und zugleich die Abschlussarbeit seines Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg, wo Dilthey das Fach „Szenischer Film“ belegte. Vor wenigen Tagen ist „Das Verlangen“ für den deutschen Nachwuchspreis „First Steps“ nominiert worden. Das ist erfreulich, büßt aber deutlich an Strahlkraft ein neben dem Reifezeugnis, das man Dilthey nun in Locarno ausgestellt hat.

          An diesem Montagmorgen hat Iain Dilthey die Rückreise angetreten. Die Schweizer Tunnel, die sein Zug durchfährt, kappen nach kurzer Zeit sein Telefongespräch mit FAZ.NET. Zu erfahren ist immerhin, dass Dilthey es noch nicht recht begreifen kann, diesen „Wahnsinnspreis“ gewonnen zu haben - mit gerade einmal 31 Jahren. „Wenn man sich anguckt, was so in dem Wettbewerb läuft, dann denkt man nicht, dass man der Glückliche ist“, sagt Dilthey. Aus dem Rennen geschlagen hat er etwa Gus Van Sant, dessen Film „My Private Idaho“ er einst im Kino bewunderte: „Das war bis vor kurzem noch so ungreifbar“, wundert er sich.

          Eine große Feier haben sich Dilthey und sein Produzent und Kommilitone Till Schmerbeck nicht geleistet; zu groß war die Anspannung der letzten Tage. „Am Freitagabend hat man mich angerufen und gefragt, ob ich bis Montag bleiben könnte“, erzählt Dilthey. Und obgleich er wusste, dass diese Anfrage nichts Schlechtes bedeuten würde, hat ihn die Zeit des Wartens schier zerrissen.

          Drei Wochen in Prevorst

          Unter den Kritikern in Locarno war „Das Verlangen“ umstritten; bei der Pressekonferenz zum Film gab es einzelne Buhrufe. Das „seinem veristischen Stil kaum gerecht werdende Elendsstück“, mäkelt die „Frankfurter Rundschau“ am Montag, rechtfertige „durchaus Zweifel an seiner Wettbewerbstauglichkeit“. Die „Süddeutsche Zeitung“ hingegen lobt Diltheys „Unerbittlichkeit“ und „kühle Objektivität“ und spürt mit dem „Verlangen“ Morgenluft in das mit Anerkennung nicht verwöhnte deutsche Kino hineinziehen: „Ist der Bann gebrochen?“

          Dilthey selbst nennt sein Werk „einen kleinen deutschen Film“ - womit er, was die Produktion angeht, zweifellos recht hat: Nur 200.000 Euro betrug der Etat, gedreht wurde gerade einmal drei Wochen lang auf Kosten sparendem 16-Millimeter-Film. Schauplatz war Prevorst, ein Dorf im schwäbisch-fränkischen Wald. Die deutsche Provinz hat es Dilthey, dem gebürtigen Schotten, angetan; hier, in den öden Dörfern und abgelegenen Höfen, entdeckt er seine Geschichten, deren Protagonisten meist Gefangene ihrer beengten und rückständigen Welt sind.

          Trilogie der Sehnsucht

          Eine solche Gefangene ist auch die Heldin in „Das Verlangen“, die Pfarrersfrau Lena, deren eintöniges Leben an der Seite ihres despotischen Mannes durch einen Mordfall im Dorf aus der Bahn geworfen wird. Vereinsamt und scheinbar wehrlos sind auch die zurückgebliebene Anna und das Waisenkind Ramona, die im Mittelpunkt von Diltheys früheren Werken „Sommer auf Horlachen“ und „Ich werde dich auf Händen tragen“ standen. Gemeinsam mit dem „Verlangen“ bilden sie eine Einheit, die Dilthey seine „Sehnsuchtstrilogie“ nennt.

          Mit seinen Stoffen spricht Dilthey, dessen Arbeiten Kritiker an Bergman, an Haneke, sogar an Brecht denken ließen, kaum das große Publikum an, das die hiesige Filmbranche sich so sehnlich wünscht. Einen Verleih hat „Das Verlangen“ noch nicht gefunden. Eine große Kinotournee war bislang auch gar nicht geplant: „Es ist schließlich ein Studentenfilm“, so Dilthey zu FAZ.NET. Der „Goldene Leopard“ von Locarno, dotiert mit gut 60.000 Euro, wird Dilthey ein finanzielles Polster verschaffen, welches er auch gut wird gebrauchen können - scheint es doch trotz der Auszeichnung unwahrscheinlich, dass sich die großen Produzenten um seine sperrigen Arbeiten reißen. Dafür aber hat Iain Dilthey mit seinem Erfolg von Locarno schon in jungen Jahren etwas erreicht, wovon die meisten seiner Kollegen ihr Leben lang nur träumen können.

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