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Sharing Economy : Weniger ist das neue Mehr

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Sobald jemand, ob unser Nachbar oder eine Werbeagentur auf der anderen Seite des Ozeans, ein Objekt mieten möchte, auf das die Beschreibung eines uns gehörenden Gegenstands zutrifft, werden wir über unser Smartphone von der Anfrage benachrichtigt und konkurrieren nun mit allen anderen „Kleinunternehmern“, die ein vergleichbares Objekt besitzen. Wenn wir das Angebot akzeptiert haben, ist der Rest Logistik: eine Drohne oder ein selbstfahrendes Auto holt den Artikel ab – der Transport von Emotionen und Gedanken ist noch einfacher –, und das Geld geht sicher auf unserem Smartphone ein.

Die Wahl ist nur vorgetäuscht

Für manche ist das eine ausgesprochen reizvolle Vorstellung. Auf diese Weise tut man nicht nur etwas gegen übermäßigen Konsum (bei effizienterem Umgang mit den vorhandenen Ressourcen kommen wir mit weniger aus), es gibt einem auch das beglückende Gefühl ewiger Jugend. Wir können nun endgültig den Fallstricken einer langweiligen bürgerlichen Existenz entkommen. Niemand muss mehr ein Haus besitzen, ein Auto kaufen, Haushaltsgeräte anschaffen. In der Cloud ist ja alles schon da, so dass man es bei Bedarf mieten und sich per Drohne liefern lassen kann.

Kein Wunder, dass so viele Menschen diese Vorstellung attraktiv finden. Die Cheerleader der Sharing-Ökonomie sind erstaunlich talentierte Märchenerzähler, die in puncto PR den Vergleich mit Steve Jobs nicht zu scheuen brauchen. Der Sharing-Chefideologe von AirBnb beispielsweise ist Douglas Atkin, der Autor von „The Culting of Brands“, einem 2004 erschienenen Bestseller, dem Manager entnehmen können, dass sie ihre Produkte besser verkaufen, wenn sie von religiösen Kulten lernen. Die Sharing-Ökonomie hat auch eine eigene Interessenvertretung namens Peers.org, die sich als Freundeskreis versteht, auch wenn der mit dem Segen von AirBnb, Lyft und TaskRabbit gegründet wurde. Silicon Valley hat es irgendwie mit den Lobbyisten.

Das Problematische an diesen optimistischen Zukunftsentwürfen (die Art und Weise, wie Verizon uns Auto Share schmackhaft machen will, ist nur eines von vielen Beispielen) ist jedoch, dass sie die Pathologien der herrschenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse rationalisieren und als bewusste Lifestyle-Entscheidungen hinstellen. Es ist schön, zwischen Mieten und Besitzen wählen zu können, aber für viele Menschen existiert diese Wahl einfach nicht. Für sie gibt es nur die Option „Mieten“.

Taubheit gegenüber der eigenen Existenz

Angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit, stagnierender Einkommen und explodierender Immobilienpreise funktioniert die Sharing-Ökonomie wie ein Zauberstab. Wer schon etwas besitzt, kann überleben, indem er eine vorübergehende Einschränkung monetarisiert. Man kann beispielsweise seine Wohnung vermieten und sich in dieser Zeit bei Verwandten einquartieren. Wer nichts besitzt, kann ebenfalls für eine Weile am guten Leben teilnehmen – mit Hilfe von Dingen, die ihm nicht gehören.

Die angeblichen ökologischen Vorteile der Sharing-Ökonomie sind lachhaft: Während wir unsere Autos mit den Nachbarn teilen sollen, weil es billiger und umweltfreundlicher ist, behalten die Reichen ihre Segelboote, Limousinen und Privatjets, und die wahren Umweltsünder, die Ölkonzerne und andere Industriegiganten, können sich noch schlimmere Sachen leisten. Keine Frage, die Sharing-Ökonomie kann die Auswirkungen der Finanzkrise vermutlich erträglicher machen, aber die Ursachen werden nicht angepackt. Dank der Fortschritte in der Informationstechnologie können einige von uns mit weniger auskommen – vor allem durch effizienteren Umgang mit vorhandenen Ressourcen. Doch das ist kein Grund zum Jubeln: Es ist so, als würde man Ohrstöpsel an alle Leute verteilen, damit sie den unerträglichen Straßenlärm aushalten, statt dass die Ursachen des Lärms bekämpft werden.

Sensoren, Smartphones, Apps – das sind die Ohrstöpsel unserer Generation. Dass wir gar nicht mehr merken, wie gründlich sie alles aus unserem Leben verbannen, was auch nur entfernt mit Politik zu tun hat, ist ein verräterisches Zeichen. Taubheit – gegenüber Unrecht und Ungleichheit, gegenüber unserer eigenen Existenz – ist der Preis, den wir für diese rasch wirkende Droge bezahlen.

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