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Seyran Ates : Ätsch, ich darf stolz sein

  • -Aktualisiert am

Frauenrechtlerin Seyran Ates kämpft gegen Kopftuch und Zwangsehen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Türkin Seyran Ates ist bekennende Bisexuelle, Ausreißerin, Akademikerin und Buchautorin und damit eine wandelnde Provokation, ein ständiger Skandal in den Augen vieler Türken. In Deutschland erhielt sie die Auszeichnung „Frau des Jahres“.

          Drei Schüsse feuerte der Mann ab, der an einem Septembervormittag 1984 das Kreuzberger „TIO“ betrat, den „Treff- und Informationsort für türkische Frauen“. Eine Kugel traf die junge Türkin Neriman in den Bauch, eine zweite drang Seyran Ates in den Hals, zerfetzte ihre hintere Halsschlagader und blieb zwischen dem vierten und dem fünften Halswirbel stecken. Neriman erlag ein paar Tage später ihren Verletzungen, Seyran Ates überlebte wie durch ein Wunder.

          Wäre das Geschoß nur ein paar Millimeter weiter vorgedrungen, wäre sie noch am Tatort verblutet oder mindestens querschnittsgelähmt gewesen. So konnte sie drei Wochen nach dem Attentat das Krankenhaus im Rollstuhl verlassen, versehrt allerdings an Körper und Seele. Monate brauchte sie, ehe sie ihren gelähmten Arm wieder bewegen konnte, Jahre, bis sie die Kraft fand, ihr Jurastudium fortzusetzen. Wer sie heute in ihrer Kanzlei unweit des schicken Hackeschen Marktes besucht, mag kaum glauben, daß die selbstbewußte junge Anwältin mit den kurzen dunklen Haaren vor Jahren einmal ein Opfer war, schwer verletzt, depressiv, von Suizidgedanken gequält.

          „Männer gegen Gewalt“

          Ihr Büro liegt dort, wo Berlins Mitte die meisten Touristen anlockt. Ein Altbau mit abgezogenen Dielen und dekorativ bröselndem Stuck. Die hohen Räume summen von Frauenstimmen, die auf deutsch und türkisch durcheinanderreden. Mitunter kräht auch noch Seyran Ates' achtzehn Monate alte Tochter dazwischen, die nachmittags nebenan spielt, nur durch einen Vorhang von ihrer Mutter getrennt. Der Besucher bekommt süßen Tee serviert, und während er wartet, kann er im Flur allerlei Broschüren studieren, Flyer des „Interkulturellen Frauennetzwerks“, Faltblätter der Beratungsstelle „Männer gegen Gewalt“, Material von Amnesty International, das Plakat eines Vortrags, den Frau Ates irgendwo gehalten hat. Mittlerweile ist die Juristin weit über die Gerichte hinaus bekannt.

          Sie ist eine der profiliertesten Deutschtürkinnen der Hauptstadt, eloquent, geradeaus, furchtlos, eine Botschafterin aus jener Parallelwelt, die in den Migrantenkolonien in Kreuzberg, Moabit oder Neukölln entstanden ist, und eine Kritikerin wechselseitiger Verlogenheiten. Sie streitet wider die unter Deutschen verbreiteten Vorurteile, gegen die Behördenwillkür und dumpfe Arroganz vieler Vermieter und Arbeitgeber. Vor allem aber kämpft Seyran Ates gegen Kopftuch und Zwangsheirat, gegen die verhängnisvolle Vermischung von Gewalt und Sexualität, von Geschlecht und Unterdrückung in vielen türkischen Familien. Am Grab von Hatun Sürücü, die auf offener Straße von ihrem eigenen Bruder Ayhan erschossen wurde, der nun in dem spektakulären Berliner „Ehrenmordprozeß“ vor Gericht steht, hat Seyran Ates eine Rede gehalten. „Viele Musliminnen leben in Deutschland wie im Gefängnis“, sagt sie und spottet über den „schwärmerischen Glauben“ mancher Deutscher „an Multikulti“.

          Abgehauen in die Hausbesetzerszene

          Seyran Ates' Biographie verleiht ihren Worten einen schwer zu widerlegenden Nachdruck. Im Alter von sechs Jahren kam die in Istanbul geborene Tochter eines kurdischstämmigen Vaters und einer türkischen Mutter nach Berlin, wo sie mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Einzimmerwohnung im Wedding aufwuchs, ihre Brüder und zahllose Gäste bedienen mußte und auf die Ehe mit einem türkischen Mann vorbereitet wurde. Gegen den Widerstand ihres streng konservativen Vaters jedoch machte sie Abitur, verliebte sich gar in einen Deutschen, riß mit siebzehn von zu Hause aus, ging in die Hausbesetzerszene, begann ein Jurastudium und arbeitete nebenher in dem Frauenladen, in dem sie später niedergeschossen wurde.

          Der Schütze, ein älterer Türke mit Verbindungen zu den rechtsextremen „Grauen Wölfen“, wurde erst nach umständlichen Ermittlungen von der Polizei festgenommen, dann aber nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags angeklagt und schließlich aufgrund schwerer Ermittlungsfehler vom Gericht freigesprochen. Er lebt vermutlich immer noch in Berlin: Seyran Ates könnte dem Mann, der sie zu töten versuchte, jeden Tag in Kreuzberg auf der Straße begegnen.

          „Frau des Jahres“

          Über das Attentat, mehr aber noch über ihre mühsame Emanzipation, über ihre Trennungsschmerzen, über Lügen und Tränen, hat Seyran Ates ein Buch geschrieben, „Die große Reise ins Feuer“. Es ist das Protokoll einer Selbstbefreiung, die Chronik eines Ausbruchs, der beinahe fatal gescheitert wäre - und ein Bericht aus einer verschlossenen, hermetisch abgekapselten Welt, über die nur wenige Deutsche eigentlich Genaueres wissen wollen. Das Buch, das inzwischen in zweiter Auflage bei Rowohlt vorliegt, hat Seyran Ates dennoch viel Aufmerksamkeit und Anerkennung eingetragen.

          Sie hat den Preis für Zivilcourage des Berliner „CSD e.V.“ erhalten und den Berliner Frauenrechtspreis 2004. Im vergangenen Jahr wurde sie vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband zur „Frau des Jahres“ gewählt, und als sie unlängst auf Einladung des Goethe-Instituts in New York über Zwangsehen und Ehrenmorde sprach, widmete ihr sogar die „International Herald Tribune“ ein Porträt. Aber natürlich erfährt sie auch Ablehnung, ja Haß. Das türkische Massenblatt „Hürriyet“ etwa pestet fortwährend gegen die couragierte Juristin. Als bekennende Bisexuelle, als Ausreißerin, Akademikerin und Autorin ist sie eine wandelnde Provokation, ein ständiger Skandal, ein schier unerträglicher Angriff auf alles, was dem gängigen türkischen Männlichkeitswahn heilig ist.

          „Multikulti ist die organisierte Verantwortungslosigkeit“

          Seyran Ates läßt sich davon kaum beeindrucken. Sie spricht mit leiser, fast sanfter Stimme. Aber was sie sagt, ist von wohlkalkulierter Durchschlagskraft. Die Anwältin weiß um die Wirkung angespitzter Formulierungen. Aber noch genauer weiß sie, auch aus eigener Erfahrung, daß viel zu lange geschwiegen wurde. Daß Schönreden nicht weiterhilft. „Multikulti“, verkündet Frau Ates immer wieder, „Multikulti ist die organisierte Verantwortungslosigkeit“. Das wohlmeinende oder meist bloß desinteressierte Achselzucken nämlich, die vermeintlich aufgeklärte Toleranz für kulturelle und religiöse Sonderwege, gehe stets zu Lasten der Schwächsten: der Frauen und Mädchen.

          Viele von ihnen seien nichts weiter als „Sklavinnen auf dem muslimischen Heiratsmarkt“, als Minderjährige in arrangierte Ehen gepreßt, hilflos der Gewalt ihrer Brüder, Väter und Männer ausgeliefert, beschnitten und immer früher, mittlerweile schon als Zweijährige gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. „Die Gewaltbereitschaft in der türkischen und kurdischen Kultur“, schreibt Frau Ates in ihrem Buch, „wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Sie löst sich nur dort ein wenig auf, wo Türken und Kurden viele deutsche Kontakte pflegen. Ansonsten ist es im Augenblick der zentrale Unterschied zwischen unseren Kulturen. Es gibt heute kein einziges deutsches Mädchen, das von Zwangsheirat betroffen ist.“

          „Extreme Sexualisierung“

          Ähnlich wütend wie die Allgegenwart dieser Gewalt aber macht die Anwältin die „verlogene Solidarität“ und „Ignoranz“ deutscher Schulen und Gerichte, die sich aus lauter Ahnungslosigkeit oder vermeintlicher Toleranz an der Ausgrenzung der muslimischen Mädchen beteiligten, indem sie sie auf Antrag ihrer Eltern vom Schwimm- und Sexualkundeunterricht befreiten. Solche Relativismen, schimpft Seyran Ates, seien „menschenverachtend“. Sie hätten zur Entstehung von Subkulturen beigetragen und beförderten die „extreme Sexualisierung“ der muslimischen Mädchen von klein auf. Deren Religionszugehörigkeit werde ihnen so mit behördlicher Duldung zum „Verhängnis“, mit richterlichem Segen werde ein „Riegel geschoben vor die Partizipation“ am Leben der Gesellschaft. Seyran Ates scheut sich nicht einmal, die Fanatiker des Multikulti „rassistisch“ zu nennen.

          Denn gerade türkische Mädchen sehen „Bildung als Chance“, aus der Enge ihrer Verhältnisse auszubrechen, die Freiheiten, die das Grundgesetz auch ihnen gewährt, in Anspruch zu nehmen, etwas zu machen aus ihrem Leben. Ohne die Schule, ohne ihre Erfolge dort, hätte sie sich nicht befreien können aus der Umklammerung von Traditionen und Familie. Die „eigentlichen Verlierer“ aber seien die türkischen Jungs, die verwöhnten Söhnchen, die nichts anderes als Sozialhilfe oder Schwarzarbeit kennten. „Warum soll ich mich anstrengen?“ fragten sie spöttisch und sind doch eine „verlorene Generation“. Ohne Ausbildung, mit mangelhaften Sprachkenntnissen, chancenlos auf dem Arbeitsmarkt.

          Auf der Suche nach der „gemeinsamen Leitkultur“

          Fünfzig Prozent der fünfzehnjährigen Migrantenkinder hierzulande sind schwache Leser, zwanzig Prozent der ausländischen Schüler schaffen nicht einmal den Hauptschulabschluß. Es fällt nicht schwer hochzurechnen, was da auf die Republik zukommt. Ein innerstädtisches Bildungsproletariat, verführbar, wurzellos, im besten Fall lebenslang auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wer sich heute nicht um diese Jungen kümmert, mit Nachdruck, auch mit Autorität, darf sich morgen nicht über explodierende Kriminalitätsstatistiken und brennende Gettos wundern. Es sei, sagt die Anwältin, eine „Wertedebatte“ nötig, eine „gemeinsame Leitkultur“, ein die Kulturen überspannender „Verfassungspatriotismus“. Sie klingt dabei fast ein wenig wie Norbert Lammert. Was die engagierte Sozialdemokratin freilich nicht im mindesten stört.

          Es ist ein düsteres Bild der Zustände in der türkischen „community“ Berlins, das Seyran Ates entwirft. Aber gleichwohl sagt sie auch, sie sei „sehr optimistisch“: „Wir können die Familien, die jungen Frauen, die Väter und sogar die Söhne erreichen.“ Wer entschieden und selbstbewußt auf sie zugehe, könne sich rasch Gehör verschaffen. Gerade die in Deutschland lebenden Türken hätten enormen Respekt vor Bildung und Autorität, meint die Anwältin. Aber sie besäßen auch ein feines Gespür für die bundesrepublikanischen Zweifel und Verspannungen. Solange türkische Bengel jeden Deutschen auf der Straße mit den Worten: „Ätsch, ich darf stolz sein auf mein Land, du aber nicht“ verhöhnen können, werden sie sich auch kaum auf die hiesigen Spielregeln einlassen.

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