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Seyran Ates : Ätsch, ich darf stolz sein

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Ähnlich wütend wie die Allgegenwart dieser Gewalt aber macht die Anwältin die „verlogene Solidarität“ und „Ignoranz“ deutscher Schulen und Gerichte, die sich aus lauter Ahnungslosigkeit oder vermeintlicher Toleranz an der Ausgrenzung der muslimischen Mädchen beteiligten, indem sie sie auf Antrag ihrer Eltern vom Schwimm- und Sexualkundeunterricht befreiten. Solche Relativismen, schimpft Seyran Ates, seien „menschenverachtend“. Sie hätten zur Entstehung von Subkulturen beigetragen und beförderten die „extreme Sexualisierung“ der muslimischen Mädchen von klein auf. Deren Religionszugehörigkeit werde ihnen so mit behördlicher Duldung zum „Verhängnis“, mit richterlichem Segen werde ein „Riegel geschoben vor die Partizipation“ am Leben der Gesellschaft. Seyran Ates scheut sich nicht einmal, die Fanatiker des Multikulti „rassistisch“ zu nennen.

Denn gerade türkische Mädchen sehen „Bildung als Chance“, aus der Enge ihrer Verhältnisse auszubrechen, die Freiheiten, die das Grundgesetz auch ihnen gewährt, in Anspruch zu nehmen, etwas zu machen aus ihrem Leben. Ohne die Schule, ohne ihre Erfolge dort, hätte sie sich nicht befreien können aus der Umklammerung von Traditionen und Familie. Die „eigentlichen Verlierer“ aber seien die türkischen Jungs, die verwöhnten Söhnchen, die nichts anderes als Sozialhilfe oder Schwarzarbeit kennten. „Warum soll ich mich anstrengen?“ fragten sie spöttisch und sind doch eine „verlorene Generation“. Ohne Ausbildung, mit mangelhaften Sprachkenntnissen, chancenlos auf dem Arbeitsmarkt.

Auf der Suche nach der „gemeinsamen Leitkultur“

Fünfzig Prozent der fünfzehnjährigen Migrantenkinder hierzulande sind schwache Leser, zwanzig Prozent der ausländischen Schüler schaffen nicht einmal den Hauptschulabschluß. Es fällt nicht schwer hochzurechnen, was da auf die Republik zukommt. Ein innerstädtisches Bildungsproletariat, verführbar, wurzellos, im besten Fall lebenslang auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wer sich heute nicht um diese Jungen kümmert, mit Nachdruck, auch mit Autorität, darf sich morgen nicht über explodierende Kriminalitätsstatistiken und brennende Gettos wundern. Es sei, sagt die Anwältin, eine „Wertedebatte“ nötig, eine „gemeinsame Leitkultur“, ein die Kulturen überspannender „Verfassungspatriotismus“. Sie klingt dabei fast ein wenig wie Norbert Lammert. Was die engagierte Sozialdemokratin freilich nicht im mindesten stört.

Es ist ein düsteres Bild der Zustände in der türkischen „community“ Berlins, das Seyran Ates entwirft. Aber gleichwohl sagt sie auch, sie sei „sehr optimistisch“: „Wir können die Familien, die jungen Frauen, die Väter und sogar die Söhne erreichen.“ Wer entschieden und selbstbewußt auf sie zugehe, könne sich rasch Gehör verschaffen. Gerade die in Deutschland lebenden Türken hätten enormen Respekt vor Bildung und Autorität, meint die Anwältin. Aber sie besäßen auch ein feines Gespür für die bundesrepublikanischen Zweifel und Verspannungen. Solange türkische Bengel jeden Deutschen auf der Straße mit den Worten: „Ätsch, ich darf stolz sein auf mein Land, du aber nicht“ verhöhnen können, werden sie sich auch kaum auf die hiesigen Spielregeln einlassen.

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