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Seyran Ates : Ätsch, ich darf stolz sein

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Der Schütze, ein älterer Türke mit Verbindungen zu den rechtsextremen „Grauen Wölfen“, wurde erst nach umständlichen Ermittlungen von der Polizei festgenommen, dann aber nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags angeklagt und schließlich aufgrund schwerer Ermittlungsfehler vom Gericht freigesprochen. Er lebt vermutlich immer noch in Berlin: Seyran Ates könnte dem Mann, der sie zu töten versuchte, jeden Tag in Kreuzberg auf der Straße begegnen.

„Frau des Jahres“

Über das Attentat, mehr aber noch über ihre mühsame Emanzipation, über ihre Trennungsschmerzen, über Lügen und Tränen, hat Seyran Ates ein Buch geschrieben, „Die große Reise ins Feuer“. Es ist das Protokoll einer Selbstbefreiung, die Chronik eines Ausbruchs, der beinahe fatal gescheitert wäre - und ein Bericht aus einer verschlossenen, hermetisch abgekapselten Welt, über die nur wenige Deutsche eigentlich Genaueres wissen wollen. Das Buch, das inzwischen in zweiter Auflage bei Rowohlt vorliegt, hat Seyran Ates dennoch viel Aufmerksamkeit und Anerkennung eingetragen.

Sie hat den Preis für Zivilcourage des Berliner „CSD e.V.“ erhalten und den Berliner Frauenrechtspreis 2004. Im vergangenen Jahr wurde sie vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband zur „Frau des Jahres“ gewählt, und als sie unlängst auf Einladung des Goethe-Instituts in New York über Zwangsehen und Ehrenmorde sprach, widmete ihr sogar die „International Herald Tribune“ ein Porträt. Aber natürlich erfährt sie auch Ablehnung, ja Haß. Das türkische Massenblatt „Hürriyet“ etwa pestet fortwährend gegen die couragierte Juristin. Als bekennende Bisexuelle, als Ausreißerin, Akademikerin und Autorin ist sie eine wandelnde Provokation, ein ständiger Skandal, ein schier unerträglicher Angriff auf alles, was dem gängigen türkischen Männlichkeitswahn heilig ist.

„Multikulti ist die organisierte Verantwortungslosigkeit“

Seyran Ates läßt sich davon kaum beeindrucken. Sie spricht mit leiser, fast sanfter Stimme. Aber was sie sagt, ist von wohlkalkulierter Durchschlagskraft. Die Anwältin weiß um die Wirkung angespitzter Formulierungen. Aber noch genauer weiß sie, auch aus eigener Erfahrung, daß viel zu lange geschwiegen wurde. Daß Schönreden nicht weiterhilft. „Multikulti“, verkündet Frau Ates immer wieder, „Multikulti ist die organisierte Verantwortungslosigkeit“. Das wohlmeinende oder meist bloß desinteressierte Achselzucken nämlich, die vermeintlich aufgeklärte Toleranz für kulturelle und religiöse Sonderwege, gehe stets zu Lasten der Schwächsten: der Frauen und Mädchen.

Viele von ihnen seien nichts weiter als „Sklavinnen auf dem muslimischen Heiratsmarkt“, als Minderjährige in arrangierte Ehen gepreßt, hilflos der Gewalt ihrer Brüder, Väter und Männer ausgeliefert, beschnitten und immer früher, mittlerweile schon als Zweijährige gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. „Die Gewaltbereitschaft in der türkischen und kurdischen Kultur“, schreibt Frau Ates in ihrem Buch, „wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Sie löst sich nur dort ein wenig auf, wo Türken und Kurden viele deutsche Kontakte pflegen. Ansonsten ist es im Augenblick der zentrale Unterschied zwischen unseren Kulturen. Es gibt heute kein einziges deutsches Mädchen, das von Zwangsheirat betroffen ist.“

„Extreme Sexualisierung“

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