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Sexuelle Gewalt auf dem Campus : Amerikas neue Jagdgründe

Tatort Campus? Der Film „The Hunting Ground“ behauptet, dass jede fünfte Studentin Opfer sexueller Gewalt wird. Bild: AP

Ein Dokumentarfilm über Campus-Vergewaltigungen beeindruckt die politische Klasse Amerikas. Dass „The Hunting Ground“ es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, scheint niemanden zu stören.

          5 Min.

          Ist es wahr, dass an den amerikanischen Universitäten eine „Epidemie“ der sexuellen Gewalt grassiert? Das behauptet der Dokumentarfilm „The Hunting Ground“, der im Februar auf dem Sundance Festival uraufgeführt wurde, in Anwesenheit der demokratischen Senatorinnen Barbara Boxer und Kirsten Gillibrand. Tausend Colleges haben den Film für Vorführungen auf dem Campus angefordert, Präsident Obama möchte ihn sich im Weißen Haus zeigen lassen. Die Fernsehausstrahlung im Nachrichtensender CNN wird auf den Kinoeinsatz folgen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Regisseur Kirby Dick und die Produzentin Amy Ziering haben schon bei dem Film „The Invisible War“ zusammengearbeitet, der für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten dasselbe Thema aufrollte: sexuelle Übergriffe im geschützten Raum einer öffentlichen Institution. Dieses Vorgängerwerk, 2013 für einen Oscar nominiert, hatte nicht nur bei der Kritik, sondern auch in der Politik Erfolg. Dick und Ziering lieferten Argumente für eine Reform der Militärgerichtsbarkeit, die der Kongress in Teilen umgesetzt hat. Mit einem Gesetz, das im Senat noch nicht die erforderlichen sechzig Stimmen bekommen hat, möchte Senatorin Gillibrand den Befehlshabern die Verfahrensherrschaft bei Vergewaltigungsprozessen nehmen. Dass ein Schuldspruch der Bestätigung durch den militärischen Vorgesetzten bedarf, lässt nach Ansicht von Opferanwälten Soldatinnen davor zurückschrecken, aus der Reihe herauszutreten und Kameraden zu beschuldigen. Auch die Studentinnen, deren Berichte dem neuen Film die Einheit eines eindringlichen Plädoyers geben, schildern informelle Repressalien, das ungute Zusammenwirken einer mit Disziplinargewalt ausgerüsteten Bürokratie mit einem Comment, der das Stillhalten prämiert.

          An strukturellen Ursachen ist der Film nicht interessiert

          Diesmal machen Dick und Ziering allerdings keine Vorschläge für Verfahrensänderungen. Die politische Botschaft des Films erschöpft sich in der Aufforderung zur Empörung. Hochschulinterne Untersuchungen, die parallel zu den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft laufen, stellt der Film als perverse Veranstaltungen zur Einschüchterung der Opfer hin: Wegschauprozesse. Aber unmöglich könnte er die Abschaffung dieser Disziplinarverfahren fordern, denn kein ordentliches Gericht kann eine Sanktion wie den Verweis von der Universität verhängen.

          Der Druck der Regierung in Washington, die den Colleges mit dem Entzug der Bundesmittel droht, zielt nicht etwa auf eine Entmachtung, sondern auf eine Stärkung der internen Quasi-Justiz. Der Film erwähnt zwar, dass Studentinnen der University of North Carolina die Obama-Regierung zum Handeln bewogen haben, sagt aber nicht, welche Maßnahmen ergriffen worden sind. Verordnet wurde eine Verschiebung der Beweislast. Im Strafprozess muss der Schuldnachweis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben sein. Wenn eine Universität einen Studenten zum Sexualverbrecher deklariert, soll dafür wie im Zivilprozess die überwiegende Wahrscheinlichkeit genügen, ein minimaler Glaubwürdigkeitsvorsprung des mutmaßlichen Opfers.

          Dick und Ziering haben das Schlagwort von der Epidemie nicht erfunden. Ein Studienanfänger kann ihrem Film indes nicht entnehmen, dass es seit Jahren eine rechtspolitische Debatte über die sogenannte Vergewaltigungskultur auf dem Campus gibt. Hinter die Mobilisierung des Publikums stellt „The Hunting Ground“ die Unterrichtung zurück. Das mag legitim sein in einem Kulturkampf, in dem auf der antifeministischen Gegenseite der Hohn über einen Opferkult gängig ist. Aber die intellektuellen Kollateralschäden sind erheblich.

          Auch die amerikanische Rechte hat das Kampfmittel des Dokumentarfilms entdeckt. Auf der Linken werden die schockpädagogischen Elaborate der Feinde Barack Obamas und Hillary Clintons als Propaganda abgetan. Man ist stolz darauf, mit der Wissenschaft im Bunde zu sein, und will Verschwörungstheorien entlarven. Ein Film, der den Universitäten vorwirft, die Ideale der Aufklärung zu verraten, müsste an Argumenten über seinen Gegenstand interessiert sein. Aber die vielen Hochschullehrer und -beamten, die zu Wort kommen, werden nicht nach den Lebensbedingungen auf dem Campus gefragt, die Gelegenheiten für sexuelle Übergriffe schaffen und die Überführung von Tätern erschweren, nach der Atmosphäre alkoholischer Exzesse und sexueller Experimente. Ist diese Ausblendung struktureller Ursachen wirklich seriöser als ein Film, der den menschlichen Anteil am Klimawandel leugnet?

          Widersprüchliche Aussagen einer Studentin

          Schlagzeilen machte „The Hunting Ground“ dadurch, dass Erica Kinsman ihren Namen offenbart und ihr Gesicht zeigt, die Studentin der Florida State University, die Jameis Winston beschuldigt, sie am 6. Dezember 2012 vergewaltigt zu haben. Winston gilt als der begabteste Footballspieler seines Geburtsjahrgangs. Wenn die Manager der National Football League Ende April in Chicago zum jährlichen Ritual der „Ziehung“ zusammenkommen, der Verteilung auf die Profi-Teams, müsste Winstons Name wegen seiner Leistungsstatistik ganz oben auf den Wunschlisten stehen. Aber die demokratische Senatorin Claire McCaskill hat die Warnung ausgesprochen, die Vereinspräsidenten „sollten sich besser diesen Film ansehen, bevor sie ihn verpflichten“.

          Ist der Film geeignet, die Tatsachenwürdigung zu korrigieren, die Major Harding vorgenommen hat, ein pensionierter Richter, der im Auftrag der Universität untersuchte, ob Winston gegen den Verhaltenskodex für Studenten verstoßen hat? Für Harding galt der von der Obama-Regierung verordnete niedrige Beweismaßstab. Er kam zu dem Ergebnis, keine der beiden Versionen der Ereignisse sei glaubwürdiger als die andere. Erica Kinsman hatte in ihrer Aussage die Behauptung nicht wiederholt, dass jemand in der Studentenkneipe ein Betäubungsmittel in ihren Drink getan habe. Zwei toxikologische Gutachten hatten keine Rückstände in ihrem Blut ausgewiesen. Im Film erzählt sie nun wieder, wie sie bewusstlos gemacht worden sei - offenbar wurde das Interview aufgenommen, bevor sie am 2. Dezember 2014 als Zeugin vor Harding trat.

          Ob eine Epidemie vorliegt, ist eine Frage der Statistik. Der Film beginnt und endet mit furchtbaren Zahlen. Eine von fünf Frauen erleidet demnach während ihrer College-Zeit eine Vergewaltigung oder einen Vergewaltigungsversuch. Wenn nichts geschieht, wird es im nächsten akademischen Jahr hunderttausend neue Opfer geben. Auch Präsident Obama nannte die Quote von zwanzig Prozent, als er seine jüngste Initiative im Krieg gegen die Campus-Vergewaltigungen vorstellte. Vizepräsident Biden sagte mit der ihm eigenen Direktheit: „Wir haben die Zahlen.“

          Statistiken von zweifelhaftem Wert

          Bei diesen Zahlen handelt es sich um keine aktuelle Schätzung, sie gehen auf eine Umfrage von 2007 zurück. Angesprochen waren Studenten zweier großer Staatsuniversitäten; Teilnehmer wurden mit einem Zehn-Dollar-Gutschein von Amazon belohnt. Der Film führt auf der Zwanzig-Prozent-Schrifttafel eine Reihe von abgekürzten Fachliteraturhinweisen mit Jahreszahlen von 2007 bis 2014 auf. So fingiert man wissenschaftliches Belegen - welcher Kinozuschauer schreibt schon bibliographische Angaben mit?

          Im Dezember veröffentlichte das Justizministerium eine Studie zur Häufigkeit sexueller Gewalt gegen Personen im Studentenalter. Auf der Grundlage repräsentativer Befragungen führt das Ministerium eine Verbrechensstatistik, deren Schätzungen auch die nicht gemeldeten Fälle einschließen. Im Jahr 2013 wurden demnach von 10 000 Frauen zwischen 18 bis 24 Jahren 43 Opfer sexueller Attacken. Bei einer Studiendauer von vier Jahren heißt das: Nicht jede fünfte College-Absolventin hat sexuelle Gewalt erlitten, sondern jede fünfzigste. Für den Zeitraum 1995 bis 2013 liegt der jährliche Durchschnittswert bei 61 Opfern unter 10 000 Studentinnen und der Vergleichswert für Frauen, die nicht studieren, bei 76. Falsch ist also die für das politische Interesse am Phänomen „campus rape“ charakteristische Aussage, die der demokratische Senator Mark Warner traf: „Es ist sicherer, nicht im College zu sein, als im College zu sein.“

          Freilich sind die Colleges an ihrem Anspruch zu messen. Der Begriff des Campus umschreibt eine Zone der Sicherheit, Studenten sind Schutzbefohlene. Zu denken gibt die Erkenntnis der Ministeriumsstudie, dass Studentinnen sexuelle Übergriffe seltener anzeigen als Gleichaltrige in der Außenwelt. Auf dem Campus ist der Täter typischerweise ein Bekannter, mit dem noch keine sexuelle Beziehung bestand. Wo Gewalttaten nicht geahndet werden, laden sie zur Nachahmung ein. Insoweit trifft die Metapher der Epidemie etwas von der Eigenart sexueller Brutalität auf dem Campus: Es gibt Ansteckung.

          Sex in Zeiten der Epidemie

          Rechtspolitisch knüpft sich an den Topos der Epidemie freilich die Legitimation weitreichender Notmaßnahmen. Wo eine Seuche ausgebrochen ist, müssen auch die Gesunden erhebliche Einschränkungen ihrer Rechte hinnehmen. In diesem Sinne hat der Journalist Ezra Klein ein kalifornisches Gesetz gelobt, das den Sex zwischen Studenten in zustimmungspflichtige Mikrohandlungen zerlegt: Das Ja muss nicht nur ausdrücklich erklärt, sondern während des Akts ständig erneuert werden; nur ein „Klima der Angst“ könne eine Verhaltensumstellung der jungen Männer erzwingen.

          Klein wirbt für ein Schreckensregime auf dem Campus mit derselben Zahl, die Obama, Biden und „The Hunting Ground“ verbreiten. Senatorin Gillibrand hat die Behauptung, jede fünfte Studentin werde Opfer eines Vergewaltigers, stillschweigend von ihrer Internetseite entfernt.

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