https://www.faz.net/-gqz-8168a

Sexuelle Gewalt auf dem Campus : Amerikas neue Jagdgründe

Ob eine Epidemie vorliegt, ist eine Frage der Statistik. Der Film beginnt und endet mit furchtbaren Zahlen. Eine von fünf Frauen erleidet demnach während ihrer College-Zeit eine Vergewaltigung oder einen Vergewaltigungsversuch. Wenn nichts geschieht, wird es im nächsten akademischen Jahr hunderttausend neue Opfer geben. Auch Präsident Obama nannte die Quote von zwanzig Prozent, als er seine jüngste Initiative im Krieg gegen die Campus-Vergewaltigungen vorstellte. Vizepräsident Biden sagte mit der ihm eigenen Direktheit: „Wir haben die Zahlen.“

Statistiken von zweifelhaftem Wert

Bei diesen Zahlen handelt es sich um keine aktuelle Schätzung, sie gehen auf eine Umfrage von 2007 zurück. Angesprochen waren Studenten zweier großer Staatsuniversitäten; Teilnehmer wurden mit einem Zehn-Dollar-Gutschein von Amazon belohnt. Der Film führt auf der Zwanzig-Prozent-Schrifttafel eine Reihe von abgekürzten Fachliteraturhinweisen mit Jahreszahlen von 2007 bis 2014 auf. So fingiert man wissenschaftliches Belegen - welcher Kinozuschauer schreibt schon bibliographische Angaben mit?

Im Dezember veröffentlichte das Justizministerium eine Studie zur Häufigkeit sexueller Gewalt gegen Personen im Studentenalter. Auf der Grundlage repräsentativer Befragungen führt das Ministerium eine Verbrechensstatistik, deren Schätzungen auch die nicht gemeldeten Fälle einschließen. Im Jahr 2013 wurden demnach von 10 000 Frauen zwischen 18 bis 24 Jahren 43 Opfer sexueller Attacken. Bei einer Studiendauer von vier Jahren heißt das: Nicht jede fünfte College-Absolventin hat sexuelle Gewalt erlitten, sondern jede fünfzigste. Für den Zeitraum 1995 bis 2013 liegt der jährliche Durchschnittswert bei 61 Opfern unter 10 000 Studentinnen und der Vergleichswert für Frauen, die nicht studieren, bei 76. Falsch ist also die für das politische Interesse am Phänomen „campus rape“ charakteristische Aussage, die der demokratische Senator Mark Warner traf: „Es ist sicherer, nicht im College zu sein, als im College zu sein.“

Freilich sind die Colleges an ihrem Anspruch zu messen. Der Begriff des Campus umschreibt eine Zone der Sicherheit, Studenten sind Schutzbefohlene. Zu denken gibt die Erkenntnis der Ministeriumsstudie, dass Studentinnen sexuelle Übergriffe seltener anzeigen als Gleichaltrige in der Außenwelt. Auf dem Campus ist der Täter typischerweise ein Bekannter, mit dem noch keine sexuelle Beziehung bestand. Wo Gewalttaten nicht geahndet werden, laden sie zur Nachahmung ein. Insoweit trifft die Metapher der Epidemie etwas von der Eigenart sexueller Brutalität auf dem Campus: Es gibt Ansteckung.

Sex in Zeiten der Epidemie

Rechtspolitisch knüpft sich an den Topos der Epidemie freilich die Legitimation weitreichender Notmaßnahmen. Wo eine Seuche ausgebrochen ist, müssen auch die Gesunden erhebliche Einschränkungen ihrer Rechte hinnehmen. In diesem Sinne hat der Journalist Ezra Klein ein kalifornisches Gesetz gelobt, das den Sex zwischen Studenten in zustimmungspflichtige Mikrohandlungen zerlegt: Das Ja muss nicht nur ausdrücklich erklärt, sondern während des Akts ständig erneuert werden; nur ein „Klima der Angst“ könne eine Verhaltensumstellung der jungen Männer erzwingen.

Klein wirbt für ein Schreckensregime auf dem Campus mit derselben Zahl, die Obama, Biden und „The Hunting Ground“ verbreiten. Senatorin Gillibrand hat die Behauptung, jede fünfte Studentin werde Opfer eines Vergewaltigers, stillschweigend von ihrer Internetseite entfernt.

Weitere Themen

Stars und Sternchen in Baden-Baden Video-Seite öffnen

Bambi-Verleihung : Stars und Sternchen in Baden-Baden

Bei der 71. Bambi-Verleihung in Baden-Baden konnten sich Luise Heyer und Bjarne Mädel in den Kategorien Schauspiel National durchsetzen. Für Hollywood-Glamour sorgte Naomi Watts, die als Schauspielerin International ausgezeichnet wurde. Insgesamt wurden Preise in 17 Kategorien vergeben.

Topmeldungen

Franziskus wäre in jungen Jahren gerne Missionar in Japan geworden.

Papstbesuch in Japan : Römisch-katholisch und versteckt christlich

Franziskus besucht an diesem Samstag Japan – dabei wird es nicht nur um Atomwaffen gehen, sondern auch um die Jahrhunderte andauernde Unterdrückung der katholischen Kirche im Land und ihre „versteckten Christen“.

Bundesliga im Liveticker : 0:3 – Paderborn schießt den BVB ab

Nach dem frühen Rückstand wird es von Minute zu Minute schlimmer für die Borussia: Erst erhöht Paderborn, kurz vor der Pause trifft der Aufsteiger zum dritten Mal. Kann sich Dortmund davon noch erholen? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.