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Sexuelle Gewalt auf dem Campus : Amerikas neue Jagdgründe

Dick und Ziering haben das Schlagwort von der Epidemie nicht erfunden. Ein Studienanfänger kann ihrem Film indes nicht entnehmen, dass es seit Jahren eine rechtspolitische Debatte über die sogenannte Vergewaltigungskultur auf dem Campus gibt. Hinter die Mobilisierung des Publikums stellt „The Hunting Ground“ die Unterrichtung zurück. Das mag legitim sein in einem Kulturkampf, in dem auf der antifeministischen Gegenseite der Hohn über einen Opferkult gängig ist. Aber die intellektuellen Kollateralschäden sind erheblich.

Auch die amerikanische Rechte hat das Kampfmittel des Dokumentarfilms entdeckt. Auf der Linken werden die schockpädagogischen Elaborate der Feinde Barack Obamas und Hillary Clintons als Propaganda abgetan. Man ist stolz darauf, mit der Wissenschaft im Bunde zu sein, und will Verschwörungstheorien entlarven. Ein Film, der den Universitäten vorwirft, die Ideale der Aufklärung zu verraten, müsste an Argumenten über seinen Gegenstand interessiert sein. Aber die vielen Hochschullehrer und -beamten, die zu Wort kommen, werden nicht nach den Lebensbedingungen auf dem Campus gefragt, die Gelegenheiten für sexuelle Übergriffe schaffen und die Überführung von Tätern erschweren, nach der Atmosphäre alkoholischer Exzesse und sexueller Experimente. Ist diese Ausblendung struktureller Ursachen wirklich seriöser als ein Film, der den menschlichen Anteil am Klimawandel leugnet?

Widersprüchliche Aussagen einer Studentin

Schlagzeilen machte „The Hunting Ground“ dadurch, dass Erica Kinsman ihren Namen offenbart und ihr Gesicht zeigt, die Studentin der Florida State University, die Jameis Winston beschuldigt, sie am 6. Dezember 2012 vergewaltigt zu haben. Winston gilt als der begabteste Footballspieler seines Geburtsjahrgangs. Wenn die Manager der National Football League Ende April in Chicago zum jährlichen Ritual der „Ziehung“ zusammenkommen, der Verteilung auf die Profi-Teams, müsste Winstons Name wegen seiner Leistungsstatistik ganz oben auf den Wunschlisten stehen. Aber die demokratische Senatorin Claire McCaskill hat die Warnung ausgesprochen, die Vereinspräsidenten „sollten sich besser diesen Film ansehen, bevor sie ihn verpflichten“.

Ist der Film geeignet, die Tatsachenwürdigung zu korrigieren, die Major Harding vorgenommen hat, ein pensionierter Richter, der im Auftrag der Universität untersuchte, ob Winston gegen den Verhaltenskodex für Studenten verstoßen hat? Für Harding galt der von der Obama-Regierung verordnete niedrige Beweismaßstab. Er kam zu dem Ergebnis, keine der beiden Versionen der Ereignisse sei glaubwürdiger als die andere. Erica Kinsman hatte in ihrer Aussage die Behauptung nicht wiederholt, dass jemand in der Studentenkneipe ein Betäubungsmittel in ihren Drink getan habe. Zwei toxikologische Gutachten hatten keine Rückstände in ihrem Blut ausgewiesen. Im Film erzählt sie nun wieder, wie sie bewusstlos gemacht worden sei - offenbar wurde das Interview aufgenommen, bevor sie am 2. Dezember 2014 als Zeugin vor Harding trat.

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