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Sexismus am Dirigentenpult : Zu schön

  • -Aktualisiert am

Der Dirignet Vasily Petrenko hat sich einige Gedanken zur Qualitätssicherung der klassischen Musik gemacht: Er glaubt, dass eine Frau am Pult einfach zu viel sexuelle Energie versprüht.

          Nein, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht zu begründen, warum es doch für alle am besten ist, Frauen zu benachteiligen. Zum Beispiel in der Musik. Folgendes Argument hat sich Vasily Petrenko ausgedacht, immerhin Dirigent des National Youth Orchestra in Großbritannien und des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra: Wenn ein Mann dirigiere, so Petrenko gegenüber der norwegischen Zeitung „Aftenposten“, würden die Musiker „besser reagieren“. Warum? Ein „hübsches Mädchen am Dirigentenpult“ hätte zur Folge, dass die Musiker „über andere Dinge“ nachdächten. Jawohl, weniger Frauen, „weniger sexuelle Energie“ und ein „größerer Fokus auf die Musik“.

          Das sagt der Mann, der in England ein Jugend- und ein Stadtorchester dirigiert - nicht den Verein musizierender Muslimbrüder oder das iranische Staatsorchester. Man kann nicht sagen, dass Petrenko tosenden Applaus für sein Qualitätssicherungsmodell erhielt. Es gab viel Widerspruch, zum Beispiel von Marin Alsop, die Leiterin des Symphonieorchesters in Baltimore ist und am kommenden Samstag als erste Frau die legendäre „Last Night of the Proms“ in der Royal Albert Hall in London dirigieren wird. Ja, ja, legte Petrenko nach, die Qualifikation sei doch unbestritten, er habe „den größten Respekt für Dirigentinnen“ - aber eben die Sache mit der „sexuellen Energie“.

          Verteidigung der Männer

          Wegen einer Frau am Dirigentenpult? Ab jetzt muss hier eine Verteidigung der Männer folgen. Denn, nein, Herr Petrenko, Musiker sind weniger albern oder notgeil, als Sie sich das vorstellen. Die Praxis spricht dafür, dass männliche Musiker trotz des Anblicks von Frauen die Töne treffen und sehr hübsch weitermusizieren, selbst wenn Anna Netrebko in Sichtweite singt. Ein Gruppe männlicher Musiker ist keine Ansammlung röhrender Hirsche. Mehr noch: In den meisten westlichen Ländern empfinden Männer den Anblick von Frauen als normal, auch im Berufsleben. Unglaublich, aber wahr: Männer besuchen sogar Einrichtungen wie öffentliche Schwimmbäder, ohne dort pausenlos an Sex zu denken; sie schwimmen, lesen Bücher und essen Pommes. Männer, so verrückt das in Petrenkos Ohren klingen mag, sind fähig, in Gegenwart von Frauen Höchstleistungen zu vollbringen.

          Falls sich Herr Petrenko dem nicht gewachsen fühlt, müssen wir leider feststellen: Es sind bisher noch keine Kaufhäuser geschlossen worden mit dem Argument, sie würden Ladendieben das Leben unnötig schwermachen. Nicht die Kaufhäuser haben ein Problem, sondern die Ladendiebe. Und falls es tatsächlich Männer gibt, die beim Anblick einer Frau unfähig sind, sich zu konzentrieren, dann sollten sie einfach das Orchester verlassen - und zur Abwechslung zu Hause staubsaugen.

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