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Sex in Schullektüre? : Es gibt keinen Grund, sich auszuweinen

  • Aktualisiert am

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD): So leicht sind Jugendliche heute nicht mehr zu schockieren. Bild: picture alliance / dpa

Baden-Württemberg streitet über die Frage, ob Dirk Kurbjuweits Novelle „Zweier ohne“ als schulische Prüfungslektüre taugt. Christliche Verbände hatten protestiert wegen Passagen, in denen es um erste sexuelle Erfahrungen geht. Kultusminister Andreas Stoch spricht im FAZ.NET-Gespräch von „gekränkter Eitelkeit“ des Autors.

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          Haben Sie „Zweier ohne“, die Novelle von Dirk Kurbjuweit gelesen?

          Nein.

          Sie wissen also nicht, worum es geht?

          Doch, natürlich. Als der Fall letzte Woche zu mir durchdrang, er stammt ja aus der Zeit meiner Vorgängerin, da musste ich mich erst schlau machen, was passiert ist. Es war wohl so, dass Mitte 2012, nachdem bekannt geworden war, dass dieses Buch Prüfungslektüre in den zehnten Klassen der Realschule werden soll, Briefe von Schulen kamen, die das Buch als „nicht geeignet“ bezeichneten.

          Wer hat sich beschwert?

          Mehrere christliche Privatschulen und ein Verband privater Schulen, auch mit christlichem Hintergrund, denen die Auswahl des Buches inhaltlich nicht passt. Dabei geht es hauptsächlich um zwei Passagen, in denen der Erzähler seine ersten sexuellen Erfahrungen beschreibt.

          Können Sie die Probleme nachvollziehen, die vorgetragen wurden?

          Ich teile die Bedenken nicht. Jugendliche im Alter von sechzehn Jahren können sehr wohl mit dieser Art Lektüre umgehen. Ich würde die Wirklichkeit verleugnen, wenn ich täte, als ob ich damit heute Jugendliche schockieren würde.

          Was führte dann zur Entscheidung, eine alternative Pflichtlektüre anzubieten?

          Nachdem uns die Beschwerden erreicht hatten, haben wir kritisch geprüft, ob diese Anliegen berechtigt sind. Dazu fand im Januar 2013 ein Gespräch im Kultusministerium statt. Das Gespräch wurde vom zuständigen Abteilungsleiter mit den Briefeschreibern geführt, um sich ihre Bedenken anzuhören. Meine frühere Ministerialdirektorin hat danach die Entscheidung getroffen, als alternative Prüfungslektüre Max Frischs „Andorra“ anzubieten. Es wurde also nicht entschieden, Kurbjuweits Buch als ungeeignet zu betrachten. Unsere Auswahlkommission ist nach wie vor überzeugt, dass sein Buch als Prüfungslektüre gut und richtig ist. Wir teilen also die Bedenken nicht, aber wir wollten eine Auswahl bieten, um zu zeigen, dass wir die Bedenken ernst nehmen. Die Entscheidung, zwei Bücher zur Auswahl anzubieten, war unter anderem eine Reaktion darauf, dass es in den Vorjahren immer wieder Beschwerden über einzelne Prüfungslektüren gab.

          Was ist denn aus Ihrer Sicht gute Literatur für Sechzehnjährige?

          Für die Auswahl haben wir Auswahlkriterien, an denen sich auch die Auswahlkommissionen orientieren, wenn es um Prüfungsthemen geht: die aktuelle oder geschichtliche Relevanz von Themen, auch die Verfügbarkeit der Lektüre als Taschenbuch. So ein Buch muss ja finanziert werden. Das wichtigste Kriterium ist aus meiner Sicht der Bezug zur Lebenswelt der Schüler. Sie sollen Literatur nicht als befremdlich oder als etwas, das sie nicht betrifft, erleben.

          Was spricht für einen Klassiker, was spricht für Gegenwartsliteratur?

          Werke, die der Klassik zuzurechnen sind, eignen sich als Prüfungslektüre, wenn ich Bezüge zur Gegenwart herstellen kann. Deshalb ist es mir so wichtig, dass Jugendliche in der Literatur etwas erkennen können, das sie spannend finden. Egal, ob es positive Resonanz oder Ablehnung hervorruft, der Bezug zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ist wichtig. Bestimmte moralische Wertungen oder Grundsätze, die für das Zusammenleben von Menschen gelten, kann ich aber auch an einem klassischen Text nachweisen.

          Ein umstrittener christlicher Informationsdienst bemängelt fehlende moralische Orientierung in Kurbjuweits Novelle. Werden die christlichen Kreise, die sich beschwert haben, mit „Andorra“ als Alternative zufrieden sein?

          Das kann ich Ihnen nicht sagen.

          Hat das bei der Auswahl keine Rolle gespielt?

          Nein.

          Sie lassen sich also nicht von christlichen Kreisen vorschreiben, was Schüler in Baden-Württemberg zu lesen haben?

          Wir lassen uns keine Vorschriften von einzelnen Gruppen machen. Und wenn ein Autor, der zugleich „Spiegel“-Redakteur ist, sich auf drei Seiten im „Spiegel“ über einen Vorgang ausweint, der aus meiner Sicht nachvollziehbar ist, und versucht, das zu skandalisieren, kommt mir das vor wie gekränkte Eitelkeit. Wir haben Herrn Kurbjuweits Buch nicht als Prüfungslektüre zurückgezogen. Das wäre das Einknicken, das er zu Recht beklagen könnte. Wir haben aufgrund geschilderter Bedenken lediglich eine Alternative angeboten.

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