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Seuchenschutz in Italien : Wie das Coronavirus Mailand lahmlegt

Touristen mit Mundschutz vor der Kathedrale von Mailand Bild: dpa

Karneval fällt aus, die Kunst sowieso: Viele Italiener sind überzeugt, dass die Regierung in Italien mit ihren drastischen Maßnahmen gegen das Coronavirus die eigene Schwäche verbergen will.

          3 Min.

          An Tag drei, nachdem die italienische Regierung zehn Gemeinden in der Lombardei, etwa sechzig Kilometer von Mailand entfernt, komplett abgeriegelt und zu „roten Zonen“ erklärt hat, bangen die Mailänder, ob auch ihre Stadt bald unter Quarantäne steht. Die Mailänder Apotheker und Drogisten sind inzwischen des Antwortens und Kopfschüttelns müde. Sie haben deshalb Schilder an ihre Türen geklebt. Auf ihnen steht: „Mundschutzmasken und Hygiene-Gels sind ausverkauft.“ Die Regale in den Baumärkten, in denen sonst Schutzmasken für Säge- und Lackierarbeiten liegen, sind ebenfalls leer geräumt. Auch über italienische Online-Händler sind auf die Schnelle keine Gesichtsmasken mehr zu bekommen. Als frühester Liefertermin wird für die sonst günstigen, nun aber zu Phantasiepreisen von hundert Euro und mehr angebotenen Masken ein Datum Mitte März genannt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der einzige Mundschutz, der in diesen Tagen in Mailand noch aufzutreiben ist, findet sich ausgerechnet in einem chinesischen Nagelstudio. Die Damen freuen sich, dass überhaupt jemand ihren Laden betritt. Denn noch bevor es überhaupt einen Corona-Fall in Italien gab, kamen kaum noch Kunden in die Geschäfte und Restaurants der chinesischen Gemeinde, die in Mailand knapp dreißigtausend Menschen zählt. Aber selbstverständlich könnten sie ein paar Atemmasken abgeben, sagen die Damen freundlich, erklären sofort, wie man sie aufzusetzen hat, und zeigen, wie man den Stoff durch innenseitig eingefügten Mull verstärken könne. Genau so machten es auch ihre Verwandten in China.

          Menschen halten Abstand

          Wirklich beruhigend ist dieser Hinweis nicht. Wenn überhaupt etwas Schutz bietet, dann nur die sogenannten ffp3-Einwegmasken, das sind Feinpartikelmasken mit Ventil. Und mit einer Atemschutzmaske vor dem Gesicht, da sind sich auch die Damen in dem Nagelstudio einig, greift man sich nicht so häufig unbewusst an Mund und Nase und vermeidet so die Schmierinfektion.

          In Mailands Straßen sind nicht viele Menschen mit Masken zu sehen. Man hat jedoch den Eindruck, sie hielten mehr Abstand zueinander; laut Bekanntmachung der Regionalregierung soll ein Meter Abstand vor Tröpfcheninfektion schützen. Doch vielleicht bildet man sich diese Distanz auch nur ein, weil man selbst mehr Abstand hält. Die Stadt wirkt fast wie immer, leerer als sonst vielleicht und ja, weniger aufgekratzt. Es ist ein wenig wie nach einer Party, die Musik ist mit einem Schlag aus, das Licht wieder an, und alle blinzeln und wissen einen Augenblick lang nicht, wie es nun weitergehen soll. Den Mailänder Dom hat die Stadt als Vorsichtsmaßnahme geschlossen, aber der wird sowieso nur von Touristen besucht. Und unter dem Bild der Madonna mit Kind in der Kirche San Simpliciano, die im vierten Jahrhundert von Bischof Ambrosius, dem Schutzheiligen Mailands, erbaut wurde und in der gestresste Städter sich gerne einen Moment der Ruhe gönnen, brennen mehr Kerzen als sonst.

          Andere beugen ihren Kopf lieber über ihr Handy und das Internet. Die Regierung bemüht sich dort, die drastischen Maßnahmen zu erklären, während Matteo Salvini auf Twitter seine ewige Litanei von der Schließung der Grenzen und Häfen gegen einreisende Migranten einfach in einen Schutz vor dem Coronavirus ummünzt. Fast stündlich wiederholt er in immer anderen Worten: Die Regierung hat viel zu spät reagiert, die Lega hätte alles richtig gemacht, passt auf euch auf, Freunde, Herzchen-Emoji, euer Matteo. Wäre die Regierung in Italien stabiler, würden die Maßnahmen gegen das Coronavirus weniger drastisch ausfallen, davon sind viele Italiener überzeugt. Sie zeige Härte, damit man ihr später nicht fehlende Entschlossenheit vorwerfen könne, sollte sich die Situation weiter verschärfen.

          An Tag drei, als Italien fünf Tote und Hunderte von Corona-Infizierten zählt, sind sämtliche Kindergärten und Schulen von Mailand geschlossen – worüber kein Kind gejubelt hat, denn auch der Karneval fiel damit für alle aus, und nun sieht man hier und dort kleine Hexen, Leoparden und Seeräuber an der Hand ihrer Mütter oder Väter durch die Straßen ziehen. Ein bisschen Karneval muss sein. Sämtliche Vereinstätigkeiten ruhen, es herrscht Veranstaltungs- und Demonstrationsverbot, Fußballspiele wurden verschoben, die Museen, Kinos und Theater haben geschlossen, was viele Mailänder weitaus mehr in Alarmbereitschaft versetzt hat, als die Bilder von Menschen in Schutzanzügen vor Krankenhäusern, von Polizeiautos mit Blaulicht oder von leer gekauften Supermärkten, die jetzt in Endlosschleife im italienischen Fernsehen laufen.

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