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Serie „Wildwechsel“ : Als Großbürger schätzt er ländliche Einsamkeit

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Ein Dachs kommt vorbei Bild: dpa

Der Dachs lässt schön grüßen, möchte aber nicht gestört werden: Über Meister Grimbart und seine Eigenarten.

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          Einzig in Kinderbüchern können Wildtiere ihrem Bedürfnis, in Frieden gelassen zu werden, erfolgreich Ausdruck verleihen. In Alan Alexander Milnes 1926 erschienenem Roman „Pu der Bär“ erlebt der kleine Christopher Robin mit Ferkel, I-Ah, Känga, ihrem Kind Klein-Ruh, dem ungestümen Tiger, der altklugen Oile und dem etwas kurz angebundenen Kaninchen Abenteuer, in denen Worte wie Heffalump oder Expotition eine große Rolle spielen. Überhaupt ist Rechtschreibung in der Stofftier-Saga, die der Autor seinem Sohn widmete, intuitiv und lautmalerisch, vor allem in der überragend einfühlsamen und witzigen deutschen Übersetzung durch Harry Rowohlt. So finden Freiheit und Frieden zugleich ihren perfekten Ausdruck in der Nachricht Oiles an alle, die meinen, sie in ihrem Habitat aufsuchen zu müssen: „habztun balzrück“.

          In dem vielleicht größten englischen Kinderbuchklassiker, Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“, ist es ein anderes Tier, dass seine Solemnität ungern preisgibt: „Der Dachs läßt schön grüßen, möchte aber auf keinen Fall gestört werden“. Die Erzählung von der Freundschaft des Maulwurfs mit Ratte, Kröterich und Dachs ist voller träumerischer sommerlicher Eskapaden zwischen Flussufer und Wildem Wald. Man hört das Schilf rauschen und die Wassergeister in der Hitze flüstern, Pan treibt seine undurchsichtigen Spiele.

          In Wald und Flur

          Die Schönheit des 1908 erstmals erschienenen Buchs liegt in der tiefen Verwurzelung der romantischen Naturpoesie in der Wirklichkeit. Grahame, der mit seinem kleinen Sohn Bootsfahrten auf dem Fluss unternahm, schrieb über die Tiere, die sie beobachtet hatten. Menschen kommen nur im Zusammenhang mit einem Tier vor. Einzig dem selbstverliebten, draufgängerischen Kröterich kann die Interaktion mit ihnen zugetraut werden. Die Wasserratte ist mit dem Dachs befreundet – „the best of fellows!“. Ihrem neugierigen neuen Freund Maulwurf erklärt sie die abgeschiedene Lebensweise des Dachses so: „Badger hates Society, and invitations, and dinner, and all that sort of thing.“ Seth Lerer, Herausgeber der 2009 erschienenen kommentierten Ausgabe des Harvard College, schreibt, „Badger is the embodiment of upper bourgeois, rural isolation“, und er weist darauf hin, dass der Dachs als Protagonist großbürgerlicher, ländlicher Einsamkeit Züge des Autors trägt: „merkwürdig in Gesellschaft, resistent gegen soziale Trivialität“. Und doch ist es der freundliche, altherrenhaft in Slipper und Morgenmantel gekleidete Dachs, der Maulwurf und Ratte in einer Winternacht Obdach bietet, als sie sich im Schnee verirrt haben.

          My home is my castle, sagt nicht nur der englische Dachs. Dachse leben selten als Einzelgänger, sondern in Familien. Dachsburgen können bis zu zehn Meter tief in die Erde reichen und Hunderte von Jahren vielen Generationen derselben Dachsfamilie als Höhle dienen. In die Kessel schleppen die Dachse rückwärts Grünzeug und polstern ihre Schlafzimmer gemütlich aus. Die reinlichen Tiere setzen ihren Kot außerhalb des Baus in sogenannten Latrinen ab. Wer in diesen Sommernächten, die bis Johanni immer noch länger werden, leise durch den Laubmischwald geht und sich in der Nähe einer Dachsburg versteckt – so, dass der Wind die menschliche Witterung nicht in Richtung der rüsselartigen Dachsschnauze weht –, der kann die Uhr nach ihnen stellen. Gegen 21.30 Uhr stecken die verspielten Jungtiere die schmalen weißen Dachsschädel aus der Erde. Wegen ihrer maskierten Gesichter mit den markanten schwarzen Streifen, die von oberhalb der Mundwinkel über die Augen und Ohren verlaufen, denkt man einen Moment an Comicfilme, in denen entflohene Gangster aus einem geöffneten Kanalisationsdeckel klettern.

          Graue Rückenhaare

          Doch schon folgen ihre breiten, grauen, massiven Körper auf den kurzen Beinen mit den kräftigen Grabpfoten – da ist er, der ganze nachtaktive Erdmarder. Seine grauen Rückenhaare geben die schönsten Rasierpinsel, sein Fett hilft aufgetragen gegen Rheuma und Gelenkschmerzen. Das Tier mit dem kräftigen Hals macht im Wald kaum Schäden. Dänische Forscher untersuchten 1954 die Mageninhalte von 192 Dachsen und stellten fest, ein Viertel war Hafer, ein Viertel Regenwürmer, und dann folgten abnehmend bis zu einstelligen Prozentzahlen Amphibien, Insekten (besonders Hummel- und Wespennester), Säugetiere, Vögel und Eier (je sieben Prozent) sowie Beeren, Schnecken und Schlangen. Wolf, Luchs und Bär sind Dachsfeinde, aber nicht zahlreich.

          Dass hingegen viele Dachse im Straßenverkehr sterben, beklagt zu Recht auch der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard in seinem 2015 erschienenen Werk „Im Herbst“. Knausgard beobachtet ganz richtig, dass Dachse in Volksmythologie und Fabeln kaum vorkommen. Nur der Winterschlaf, von dem er schreibt, ist kein durchgehender, sondern eine von Wachzeiten unterbrochene Winterruhe, während derer etwa die Latrinen weiter aufgesucht werden, also der Stoffwechsel nicht vollständig stoppt.

          Knausgard ergänzend, kann man sagen, der Dachs, der bedächtige, ruhige Meister Grimbart, tritt öfter als Sidekick des Fuchses auf, etwa in Goethes „Reineke Fuchs“. Seine dunklen, animalischen, Kaninchenbaby-fressenden Seiten zu betonen blieb wiederum einem Kinderbuchklassiker vorbehalten, den wundervollen „Tales of Beatrix Potter“. Als sie es leid gewesen sei, über die niedlichen Flopsys, Topsys, und Tabitha Twitchets der Welt zu schreiben, entstand „The Tale of Mr. Tod“. Wieder ist der Dachs, hier wie im Volksmund „Tommy Brock“ genannt, der Manuel Andrack zum Harald Schmidt des Fuchses. Tatsächlich teilen sich Fuchs und Dachs oft Bauten, und so legt sich hier Brock zum großen Ärger Tods in dessen Bett. Am Ende rollen die Kämpfenden die englischen Hügel hinunter, die Kaninchenbabys aber, die Brock fürs Abendessen gefangen hatte, sind befreit.

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