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Serie : Max Beckmann fragt um Rat: Aus dem Zentralarchiv 28

  • -Aktualisiert am

Brief von Max Ernst an Eva Stünke, 23. Januar 1962. Bild: Zadik

In einem Brief vom 23. Januar 1962 - zunächst auf der Schreibmaschine verfaßt, dann handschriftlich fortgeführt und abschließend „ernstisch hieroglyphisch“ beendet - richtet sich Max Ernst mit einer Bitte um ihre Meinung an seine Kölner Galeristin, Dr. Eva Stünke, Inhaberin der Galerie Der Spiegel.

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          Wie vielen Ansprüchen muß man nicht gerecht werden, wie viele Begehrlichkeiten sind doch zu befriedigen und wie viele Eitelkeiten zu streicheln, ist man erst zu einer bekannten Größe im Kunsthandelskarussell avanciert! Einem Mann wie Max Ernst, der sich anläßlich der Verleihung einer Ehrendoktorwürde mit „Lametta behängt“ fühlte, mögen diese Usancen sehr lästig gefallen sein. Und doch beherrschte er sie mit großem Erfolg und der ihm eigenen, unabhängigen Leichtigkeit.

          Unser Brief vom 23. Januar 1962 - zunächst auf der Schreibmaschine verfaßt, dann handschriftlich fortgeführt und abschließend „ernstisch hieroglyphisch“ beendet - richtet sich mit einer Bitte um ihre Meinung an seine Kölner Galeristin, Dr. Eva Stünke, Inhaberin der Galerie Der Spiegel: Es habe ihn ein Herr Lloyd aus London besucht und ein Brief des Direktors des Kölner Wallraf-Richartz-Museums erreicht. Beide Kontakte vermittelten dem scheinbar überraschten Max Ernst, daß der Plan einer großen Ausstellung seiner Arbeiten in Köln und Zürich auch ohne seine Stellungnahme zum Thema schon sehr weit gediehen war.

          Nun hatten bereits im Jahr zuvor zwei große Übersichtsschauen seines OEuvres, zunächst in New York und Chicago, anschließend in der Londoner Tate Gallery, große Erfolge gefeiert. Max Ernst befürchtete zu Recht, daß seine wichtigen Sammler nach dieser langen Ausstellungstournee einer neuerlichen Leihanfrage nicht noch einmal nachkommen würden: Es sei ein Irrtum, wolle man eine mittelmäßige Ausstellung zusammenbringen, und ob die Realisierung einer erstklassigen möglich sei - so die skeptische Frage des Meisters an Eva Stünke nach Köln.

          Kryptokringel auf der Rückseite

          Frank Lloyd und Harry Fischer gründeten 1946 Marlborough Fine Arts in London. Die Galerie entwickelte sich rasch zu einem der führenden Handelsplätze für exquisite Werke der Moderne. Ab den späten fünfziger Jahren konzentrierten sich Lloyd und Fischer zunehmend auf Exponate deutscher Künstler, vornehmlich des Expressionismus und der frühen Bauhaus-Ära. Diesem Schwerpunkt folgend und zudem motiviert durch die prestigeträchtige Schau in der Tate Gallery, kauften Marlborough Fine Arts auch in größerem Umfang Werke von Max Ernst.

          Eine Wurzel der Bemühungen um eine Ausstellung in Köln, so Eva Stünke in ihrem ausführlichen Antwortschreiben (Bestand ZADIK, undatiert), sei sicherlich das Verlangen des Herrn Fischer, seine gehorteten Bilder an den Mann zu bringen und hier, in Köln, mit Arbeiten von Max Ernst ins Geschäft zu kommen. Er wisse doch, welche großen Anstrengungen Fischer schon in Köln unternommen habe, und nun, seinem Charme nicht mehr so ganz vertrauend, müsse eben Herr Lloyd ins Gefecht. Es dürfe, obwohl sie selber nun Händlerin sei, keine Ausstellung mit sogenannter „Händlerware“ werden, konstatiert die um ihren Claim kämpfende Eva Stünke. In den vergangenen zehn Jahren habe man doch so manches schöne Bild ins Rheinland gebracht, und sie könne sicherlich eine wesentliche Anzahl wesentlicher Bilder mobilisieren. Eine Ausstellung, die nichts anderes im Sinn habe, als die besten und schönsten Arbeiten zu zeigen, nütze auch dem Händler; das wisse hoffentlich auch ein Herr Fischer.

          Der Kampf zwischen dem Kölner David und dem Londoner Goliath entschied sich ganz im biblischen Sinne zugunsten des kleinen, gewitzten Kämpfers. Die Kölner Ausstellung wurde noch Ende 1962 unter großem Einsatz der Galerie Der Spiegel auf die Beine gebracht, das Terrain somit erfolgreich verteidigt. Eva Stünkes Attacken gegen den Londoner Riesen trafen zudem bei Max Ernst auf nicht gänzlich verschlossene Ohren, hatten sich Frank Lloyd und Harry Fischer doch offensichtlich vorschnell und ohne Absprache mit dem Künstler in einem Inserat der Zeitschrift „Quadrum“ als dessen Londoner Agenten ausgegeben. Seine übrigen Handelspartner fühlten sich vernachlässigt, so Max Ernst. Nichts konnte dem Künstler überflüssiger erscheinen als ein Ärgernis genau dieser Art. Und diesem Unmut wird er in seinem Postskriptum III Ausdruck verliehen haben.

          Dieser und zahlreiche weitere Briefe, Fotos und andere Objekte von Max Ernst sind im umfangreichen Bestand der Galerie Der Spiegel enthalten, dessen Schenkung den Bundesverband Deutscher Galerien im Jahr 1992 zur Gründung des Zentralarchivs des internationalen Kunsthandels bewogen hat. Viele von ihnen werden nun erstmals veröffentlicht in der Ausstellung „Max Ernst und die Galerie Der Spiegel“ und in einer begleitenden Publikation, die das ZADIK in Köln anläßlich der bevorstehenden Eröffnung des Max Ernst Museums in Brühl präsentiert.

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