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Fluchten in die Phantasie : Die Begegnung mit Franz

Ohne eine höhere Macht wäre hier oben alles bloß Willkür Bild: Frank Röth

Wie es wohl wäre, Gott als Verbündeten zu haben? Eine imaginäre Reise ins verschneite Gebirge

          3 Min.

          Der Schnee liegt hoch, er lastet schwer auf Tannen und Dächern. Fiele noch mehr, drohten Lawinen. Was bliebe dann übrig von den wenigen Hütten, die sich so eng an den Berg drängen, als suchten sie Schutz?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jeder Schritt heißt Versinken, beinahe geräuschlos. Bis zu den Knien reicht der Schnee, der so pulvrig ist, dass man nur pusten muss, und die Kristalle fliegen wie Löwenzahnsamen. Noch dreihundert Höhenmeter bis zum Gipfel. Der Puls rast. Gegen eine Rast spricht nur der eigene Ehrgeiz, aber der wiegt schwerer als die Erschöpfung. Ich schaue mich um. Kein Gipfelkreuz, nirgendwo. Dafür Berge, so weit das Auge reicht, über die sich ein blassblauer Himmel spannt. So ist das immer. Bei strahlendem Wetter gaukelt der Berg einem vor, er sei leicht zu erklimmen. Er lockt und verführt. Er täuscht.

          Eisiger Wind verwirbelt den Schnee und fährt in alle Glieder. Wolken ziehen auf, erst wenige, dann immer mehr, bis sie sich drängen, als hätte der Himmel nicht genügend Platz. Glitzerte der Schnee nicht eben noch? Ohne die Sonnenstrahlen hat er alles Verheißungsvolle verloren. Ganz still ist es, schauerlich fast. Ich schlage den Mantelkragen hoch. Friere. Stapfe unverdrossen weiter, als hätte ich Großes vor. Doch Meter um Meter wird es mühsamer. Ein Schwarm Dohlen zieht seine Kreise. Verrückt, sich einer Landschaft auszusetzen, in der man sich nicht auskennt.

          Ein Sturm zieht auf

          Vor einer Hütte steht ein uralter Mann, er stützt sich auf einen Stock, ganz so, als habe er Besuch erwartet. Er blickt mich mit hellblauen Augen an, die in Tälern aus Falten versinken. Seine Nase ist schmal und lang, die Kieferknochen stark. Er trägt einen dunkelblauen Pullover, darunter ein kariertes Hemd, die fleckige Hose aus Cord. Ob man den lieben Gott herausfordern wolle, fragt er und blickt zum Himmel. Ein Sturm zieht auf. Er schüttelt den Kopf, und als er sich umdreht, macht er eine Handbewegung, die keine Einladung ist, sondern ein Befehl.

          Er heißt Franz.

          Tief hängen die Decken in seiner Stube aus Holz, so tief, dass ich sie beinahe berühren kann, wenn ich mich nur streckte. Ein Kachelofen bullert. Es riecht nach Kräutern, Thymian, Schafgarbe, Bibernelle, schwer zu sagen. Eine Stiege führt zu einer Schlafkammer, und unter den Sohlen knarzt der Boden. Es ist das Reich eines Menschen, der dem Winter mit Behaglichkeit trotzt, vor allem aber mit Gott. „Wo Glaube, da Liebe. Wo Liebe, da Friede. Wo Friede, da Segen. Wo Segen, da Gott. Wo Gott, keine Noth“ steht auf einer Tafel an der Wand. Ohne den Herrgott wäre hier oben wohl alles bloß Willkür.

          Als könne er Gedanken lesen, sagt Franz: Wer kein Gottvertrauen habe, sei verloren. Ohne Gott sei alles nichts. Seine Stimme klingt rauh und zart zugleich. Er schlurft zum Herd, entzündet eine Flamme und setzt Wasser auf. Bevor das Alter endgültig über ihn hereingebrochen ist, bevor es den Rücken gekrümmt, die Haare gelichtet und die Haut verwittert hat, muss Franz ein schöner Mann gewesen sein.

          Beten für die armen Seelen

          Der Wind pfeift ums Haus. Die Fensterläden klappern. Ich ringe um Worte. Wie es wohl wäre, Gott als Verbündeten zu haben, so wie Franz? Doch dafür reicht die Phantasie nicht aus. Ohnehin bin ich alles andere als bibelfest, kann nur das Vaterunser und bete es ein einziges Mal im Jahr an Weihnachten in der Kirche. Franz betet zweimal am Tag einen Rosenkranz, morgens und abends. Er betet für die armen Seelen, für die Kranken und Kinder, auf dass Gott sie beschütze. Er betet für seinen Bruder, der ein Stück den Hang hinunter lebt. Er schneidet dicke Scheiben von einem Brotlaib, dazu gibt es Butter, Käse und Schinken, es ist die erste Mahlzeit seit Stunden, und sie schmeckt köstlich. Franz sagt wenig, als habe er die Wörter, die ihm in diesem Leben zur Verfügung stehen, fast verbraucht. Er reibt sich die roten Hände, die trotz jahrzehntelanger harter Arbeit vor Kraft zu strotzen scheinen. Man traut ihnen genauso zu, einen Baum zu fällen, wie eine Ziege zu besänftigen.

          Ich frage ihn nach Angst und Einsamkeit. Ob er seinen Bruder auch besuche, wenn der Weg vereist sei? Und wenn er sich ein Bein bräche? Oder eine Lungenentzündung hole? Die eigene Vorstellungskraft ist beschämend klein. Franz lächelt. „I ha kei Angscht“, sagt er.

          Die Sonne ist längst untergegangen, so schnell, als hätte sie jemand vom Himmel gerissen. Franz hat mir ein Lager bereitet, bei jeder Bewegung quietscht die Couch, aber es stört nicht, es ist der beste Schlafplatz. Rasch fallen die Augen zu. Nachts erscheint plötzlich ein Männlein in der Stube, es steht einfach da, mit einer Hacke und einem aus Eisen geschmiedeten Strahlstock. Es ist voller Staub, als habe es sich aus den Tiefen des Berges gegraben. Seine Taschen sind mit Kristallen prall gefüllt, die Steine funkeln um die Wette. Kurz zwinkert mir der unheimliche Gast zu. Dann füllt er seinen Schatz in den größten Krug unter der Spüle und verschwindet. Am Morgen, noch schlaftrunken, hallt der Traum lange nach. Tatsächlich leuchtet die Stube, aber dafür ist wahrscheinlich nur die Sonne verantwortlich.

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