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Zweite Staffel von „Charité“ : Keine Halbgötter in Weiß, nirgends

  • -Aktualisiert am

Er duzt jeden und operiert ohne Handschuhe und Mundschutz: Ulrich Noethen (Mitte) als Ferdinand Sauerbruch. Bild: ARD/Julie Vrabelova

In der Serie „Charité“ geht es um den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Er ist so berühmt wie umstritten wegen seiner Verstrickung in das NS-Regime und seiner Haltung zu Menschenversuchen. Was macht das Drehbuch daraus?

          Er ist bis heute der berühmteste deutsche Chirurg – und der umstrittenste. Nun steht Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) im Mittelpunkt der zweiten Staffel von „Charité“, die das Berliner Universitätskrankenhaus in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs beleuchtet. Wer war Sauerbruch? Ein narzisstischer, besessener Starchirurg, der den Nazis zu Diensten war und dafür hochdekoriert wurde, oder ein großartiger Arzt, der sich heldenhaft für seine Patienten, Mitarbeiter und Verfolgte einsetzte und aufgrund bahnbrechender Entwicklungen Nobelpreis-Kandidat war? Oder beides? Die Serie zeigt eine Lichtgestalt, die rastlos operiert, Widerstandskämpfern und jüdischen Mitbürgern hilft. Da ist nur wenig Raum für Ambivalenz, umso mehr für Legendenbildung.

          Die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann hatten es nicht leicht, denn die Quellenlage ist unbefriedigend, eine abschließende historische Bewertung fehlt. Erstaunlicherweise gibt es bis heute keine wissenschaftlich fundierte Biographie Sauerbruchs. Medizinhistoriker haben sich nur mit Teilabschnitten wie Sauerbruchs Rolle im Dritten Reich beschäftigt und harsche Kritik an Sauerbruchs nationalistischer Einstellung, seinem Mitläufertum und der toleranten Haltung gegenüber Menschenversuchen geübt. Doch das Urteil scheint Sauerbruchs Rolle nicht ganz gerecht zu werden.

          Es ist das Verdienst der Autorinnen, durch akribische Recherche ein bedeutendes Zeitzeugnis entdeckt und für die Serie erschlossen zu haben: das Tagebuch des französischen Chirurgen Adolphe Jung, das sich im Privatbesitz seiner Familie befand. Jung war in den letzten Kriegsjahren an die Charité abgeordnet worden und enger Mitarbeiter von Sauerbruch. In seinem Tagebuch zeichnet er ein differenziertes Bild seines Chefs, wie Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums an der Charité und Berater bei dem Serienprojekt, bestätigt. Jung kritisiere Sauerbruchs Selbstherrlichkeit und seine Allüren, sogar seine chirurgische Qualität, die nicht dem neuesten Stand entspreche. Jungs Aufzeichnungen unterstützten aber auch die Sicht von Sauerbruchs regimekritischer Rolle in den letzten Kriegsjahren, unter anderem als Mitwisser der Attentatspläne gegen Hitler. Das Tagebuch wird zurzeit wissenschaftlich bearbeitet und soll noch in diesem Jahr publiziert werden.

          Klinikalltag: Medizinstudent Otto Marquardt (Jannik Schümann) und Schwester Christel (Frida-Lovisa Hamann, r.) versorgen einen frischoperierten Jungen.

          Ein Grund für die Scheu der Medizinhistoriker vor Sauerbruch und ihr einseitiges Urteil dürfte die Welle der Popularität gewesen sein, die 1951 nach dem Tode Sauerbruchs losbrach. Seine Autobiographie „Das war mein Leben“ wurde zum internationalen Bestseller und war doch nichts weiter als eine Ansammlung persönlicher Anekdoten und medizinischer Versatzstücke, die Sauerbruch, schon gezeichnet von Demenz, einem Ghostwriter diktiert oder gegeben hatte, samt dessen Ergänzungen und Plagiaten. In beiden Teilen Deutschlands folgten heroisierende Spielfilme, die das Sauerbruch-Bild nachhaltig prägten. Daran änderte auch Jürgen Thorwalds investigativer Roman „Die Entlassung“ (1961) über Sauerbruchs letzte tragische Lebensjahre nichts. Der ehemalige Vorzeigechirurg der Nazis war der sowjetischen Militärregierung und der aufkommenden DDR-Bürokratie als Aushängeschild so wichtig, dass man lange sein Versagen am Operationstisch zum Schaden der Patienten tolerierte.

          Kann man sich ein besseres Zugpferd für eine Serie als Sauerbruch vorstellen? Wohl kaum. Ulrich Noethen verkörpert ihn glanzvoll als chirurgischen Zuchtmeister alter Schule mit großem Herz. Unangefochtener Herrscher im Operationssaal – er operiert als Einziger ohne Handschuhe und OP-Haube und duzt jeden – ist er der Planet, um den seine Mitarbeiter, Familie und Freunde kreisen, bei dem alle Unterstützung und Rat suchen und finden. Seine ambivalente Haltung gegenüber dem NS-Regime kommt bei dieser Inszenierung zu kurz. Wo sind die historischen Filmaufnahmen vom Auftritt beim NS-Parteitag, der Ernennung zum Staatsrat, von Sauerbruchs Ehrung mit Hitlers Nationalpreis, von Menschenversuchen, von denen er als führendes Mitglied des Reichsforschungsrates wissen musste? Selbstkritische Dialoge mit seiner zweiten jungen Frau Margot, überzeugend unabhängig und frisch gespielt von Luise Wolfram, gleichen das Defizit an visueller Ambivalenz nicht aus.

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