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Krieg in der Ukraine : Chronik einer belagerten Stadt

Der Welt, gesehen vom Luftschutzkeller aus: Dieses Bild malte die vierzehnjährige Alissa aus Charkiw. Bild: Serhij Zhadan

Das neue Buch des Friedenspreisträgers Serhij Zhadan „Himmel über Charkiw“ ist ein Zeugnis davon, wie der Krieg Menschen verroht.

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          Die Kosakenfrisur mit der Strähne, die sich Serhij Zhadan am 15. März rasieren lässt, mitten im Krieg, mitten in Charkiw, ist noch zu erkennen, als wir uns Anfang Oktober im herbstlichen Frankfurt treffen. Der Mythos der Kosakenkrieger ist für die Ukraine in ihrem Befreiungskampf ein wichtiges Symbol. Gegenüber vom Hotel des Schriftstellers, der am 23. Oktober mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wird, befindet sich das ukrainische Konsulat. Blumen liegen vor dem verschlossenen Tor, blaugelbe Kinderzeichnungen und ein Bild der Heiligen Maria. „Auch wenn Krieg herrscht, die Hipster-Frisöre haben geöffnet“, hatte Zhadan an jenem Märztag bei Facebook gepostet mit einem Foto von sich. Anderthalb Stunden zuvor hatten noch die Sirenen über der Stadt geheult. Dass Charkiw an diesem Morgen „sonnig und leer“ sei, notierte Zhadan. Drei Wochen ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Russland die Ukraine überfallen hat. Dieser Frühling in Charkiw tut weh.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Wie die Sprache mit dem Krieg ringt, darüber schreibt Serhij Zhadan nicht nur im Nachwort zu seinem neuen Buch „Himmel über Charkiw“, das am Montag bei Suhrkamp erscheint. Die Sammlung von Facebook-Posts, die Zhadan seit geraumer Zeit verfasst und das Buch von Kriegsbeginn an versammelt, ist selbst der Beleg dafür. Das ist die Realität von Serhij Zhadan nicht erst seit dem 24. Februar, denn in Charkiw in der östlichen Ukraine „herrscht seit acht Jahren Krieg, der Westen hat es nur nicht wahrhaben wollen“. Ernst und auf den Moment fokussiert sitzt der Achtundvierzigjährige in der geschäftigen Hotellobby. Er ist Schriftsteller und muss doch die Literatur, zumindest jetzt, beiseite lassen. Weil ihm angesichts des Kriegs die Sprache fehlt. Es ist, „als stocke dir der Atem, als bekämst du keine Luft, so dass die Worte verloren gehen, auseinanderfallen, unpassend erscheinen“. Die Wut und das Gefühl der Ohnmacht sind überwältigend angesichts des Überfalls auf sein Land, aber auch, weil er kein Instrumentarium hat, das ihn begreifen lässt, was geschieht.

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