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Selbstzensur durch Massenüberwachung : Wir werden uns nicht mehr wiedererkennen

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Schenkelberg wies darauf hin, dass polizeiliche Überwachung aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nur eingeschränkt möglich sei, private Kameras aber überall dort angebracht werden dürften, wo sie nicht ausdrücklich verboten seien – was einen Ausweg bot. Mit Hilfe von Videoaufzeichnungen der Deutschen Bahn habe man die versuchten Kofferbombenanschläge im Juli 2006 in zwei Regionalzügen aufklären können.

30.000 neue Überwachungskameras wurden 2013 in Venezuala installiert
30.000 neue Überwachungskameras wurden 2013 in Venezuala installiert : Bild: REUTERS

„Der Düsseldorfer Polizeipräsident erklärte, dass eine Mehrheit der Bürger Videoüberwachung an öffentlichen Orten nicht problematisch findet, das Abhören von Telefonen und Internetüberwachung jedoch vehement ablehnt. Die meisten Leute fühlen sich nicht ‚beobachtet‘, sondern eher sicherer, was sich vor allem auf soziale Gruppen wie Drogendealer, Alkoholiker oder jugendliche Randalierer bezieht. Der Unterschied zwischen staatlicher und nichtstaatlicher Überwachung ist der Öffentlichkeit nicht bewusst.“

Seit 2008 hat sich die Videoüberwachung verändert. Schenkelberg beklagte die geringe Bildauflösung und den Umstand, dass die Videoaufnahmen überwacht werden müssen. Dank der Gesichtserkennungsprogramme, die bei Facebook und anderswo zur Verfügung stehen, nutzen die NSA und andere Dienste die Milliarden identifizierter Gesichter, um ihre eigenen Erkennungsprogramme zu vervollkommnen. Gesichtserkennung ist aber erst der Anfang, auf vielen Flughäfen sind Körperscanner im Einsatz, und bei den Olympischen Spielen in Sotschi verwendeten die russischen Sicherheitsdienste Gesichtsscanner zum Erkennen von Selbstmordattentätern.

Verschwommene Grenzen

Die Geschäftswelt verfolgt mit großem Interesse Berichte über die aufstrebende Firma Sensity, die, wie viele andere, die Überwachungsmöglichkeiten ausbauen will. Firmenchef Hugh Martin weist darauf hin, dass sich in der Vergangenheit Neuerungen in der Kommunikationstechnik (Telefon und Telegraf) auf eine schon bestehende Infrastruktur stützten, nämlich Bahngleise. Sein Unternehmen hat sich die weltweit drei Milliarden Straßenlaternen vorgenommen, die gegenwärtig auf Gleichstrom umgestellt werden, so dass LED-Leuchten anstelle der viel kostspieligeren herkömmlichen Lampen verwendet werden können. Anschließend will man auch billige internetfähige Sensoren einbauen – für Wind, Temperatur, Helligkeit, Erschütterungen, Video- und Audiosignale und vieles andere mehr. Gesichtserkennung, verdächtige Aktivitäten wie „Herumlungern“, verlorene Gegenstände, Waffengebrauch? Suchen Sie sich einen Sensor aus. El Salvador macht bereits mit.

Wie die „New York Times“ im Februar berichtete, werden auf dem New Yorker Flughafen Newark Überwachungslampen eingebaut. Die Zeitschrift „VentureBeat“ zitiert Hugh Martin: „Ein solches globales Datennetzwerk hat es bisher noch nicht gegeben. Und seine Möglichkeiten sind potentiell viel größer als alles, was die NSA mit Prism und XKeyScore kann. Ein Netz von smarten Lampen, die Audio- und Videoaufzeichnungen liefern, die von Apps mit Gesichtserkennungstechnik analysiert werden können, das hat durchaus Orwellsche Dimensionen. Mein Fernsehgerät beobachtet mich vielleicht nicht, aber die Straßenlaterne vor meinem Haus könnte das. Beleuchtung ist ein trojanisches Pferd.“

In einer Welt von Risikokapital, privaten Sicherheitsfirmen und internationaler Terrorismusbekämpfung verschwimmt allmählich der Unterschied zwischen Staaten und Unternehmen. „Wir werden die Diskussion Privatsphäre versus Sicherheit ganz entschieden vorantreiben“, sagte Martin, was „VentureBeat“ als „Untertreibung des Jahrhunderts“ bezeichnet.

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